Monday, April 2, 2012

CIANIDE - Hell's Rebirth / Re – release - Cd / Deepsend Records


Kürzlich in der geschlossenen Psychiatrie, an dem Tag als der Pillenlaster von der Brücke fiel. Alle Türen standen offen und die Stationen waren frei von Verstand. In den Nasszellen wurden Seifenstücken ausgelegt, nach denen sich alle Insassen, die nicht wasserscheu waren und Handtücher mit einfachen Knoten um ihre bleichen Kadaver gürten konnten, gleichzeitig zu bücken versuchten. Der ursprüngliche Sinn des Spiels wurde im Rausch der unerwarteten Körperreinigungswut komplett verdrängt und pervertiert. Im Licht flackernder Leuchtstoffröhren zucken geistlose, mit weiten Augen stierende Patienten durch die Flure auf der Suche nach dem gestrigen Tag, dem eigenen Ich oder der Cafeteria. In ihren blaugepunkteten Kasacks wirken sie wie unausgeschlafene Drogentote, denen der rote Faden abgeschnitten wurde. Aus den Lautsprechern dröhnen stumpfe, trockene und primitive verzerrte Laute und bellendes Hinterhofchaos. Death Metal, der die Geister noch mehr verwirrt, manchen ein unerklärliches Déjà-vu in die aufgeweichte Semmel stanzt, den Rest aber verängstigt und schreckensstarr in wilder Kakophonie kreischen lässt. Schon nach dem ersten Akkord schmettern unbehelmte Köpfe gegen weiß getünchte Wände und färben sie mit verschiedentlich interpretierbaren roten Mustern. Irgendjemand knipst sie deshalb sogar mit einer Polaroid um die Bilder als neue Vorlagen für den Rohrschachtest an den Klinikleiter zu verkaufen. Aufgrund seiner vibrierenden und brutalen Monotonie, erzeugen die Laute tödliche Wirkung unter den Schwächsten. Ein Patient erhängt sich in der Anstaltsküche mit einer Tüte al dente gegarter und dann aneinander geknoteter Linguini unter der Decke auf. Zwei kachektische Leiber stecken synchron kopfüber im Ablauf der Behindertentoilette, der eine beim Versuch sich zu ersäufen, der andere auf der Suche nach der geerbten Taschenuhr, die schon sein Großvater auf aparte Weise durch die Gefangenschaft geschmuggelt hat. Ein weiterer fräst mit seinen Zähnen die Fliesen vom Boden, gefangen in der Wahnvorstellung den süßen Brei aufhalten zu müssen, der seinen Geist seit Jahren verkleistert. Das Personal sieht dem Treiben gelassen zu, der Stationsleiter lächelt hinter Panzerglas und dreht die Regler noch etwas weiter auf … die Bässe sogar noch ein Stückchen tiefer. Aggressionstherapie mit Death Metal. Dafür hat er sich eine CIANIDE Scheibe ausgeguckt und bei dem Ergebnis, das sich ihm bietet, war das wahrscheinlich nicht die schlechteste Wahl. Die Band hat schließlich bald 25 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet steuerbarer Gewaltschübe und das unumstrittenen Know-how, einst friedliche Mitmenschen ekstatisch krampfen zu lassen, ihnen Grimassen zu entlocken, die kein Maskenbildner nachstellen kann. Dass das Album aus dem Jahr 2005 stammt, ist nebensächlich, der Radau bringt das Gebäude zum beben und kreischen, der Wahnsinn selektiert sich autonom. Und für die Überlebenden gibt es morgen wieder die reguläre Medikation. Lust auf Selbsterfahrung mithilfe echter Veteranen?... dann nehmt hiervon ein paar Schläge, „Hell´s Rebirth“, das 2005er Re – release mit 5 (überflüssigen) Demosongs.
9/10

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