Saturday, January 5, 2013

LEUKEMIA - Love - Cd / VIC Records



Es gibt Dinge, die weiß der Zweibeiner aufgrund ihres diffusen Erscheinungsbildes nicht auf den ersten Ruck einzuschätzen. Dazu gehören potentielle Schwiegermütter, kleine flauschige Hunde mit kalten Augen, Alkoholika mit harmlosen Etiketten und Fruchtbeimischung, sowie Bands mit namhafter Beteiligung. Unter dieses Rotlicht der Deduktion fallen auch die verblichenen Leukemia. Deren 3. Album, gebaut Mitte der 90er im schwedischen Unisound, erschien niemals. Das heißt bis heute, denn nun fühlen sich VIC Records aus welchen Gründen auch immer bemüßigt, die Scheibe mit etwas frischem Putz versehen, zu veröffentlichen. Teil dieses Unternehmens war einst Dan Swanö, der seine Stimme für Background und Sprechgesang ausborgte, wo die Truppe um Lord K (Torture Division, ex Dark Funeral…) nun schon mal da war und das Studio vollkackte. Das kann man als gute Entscheidung bewerten, hat aber auch ganz deutliche Schattenseiten. Die bestehen im Versuch, dem Death / Thrash der Band und seinem gesteigerten Harmoniebedürfnis, mit cleanen Spracheinlagen über den aufgeblähten Bauch zu fahren. Allen Respekt vor Herrn Swanö mal beiseitegelassen, muss ich schweren Herzens bekennen, dass mir das auf die Nüsse geht wie Comedy im Privatfernsehen. Sprechgesang, nee, das geht gar nicht. Verflucht geil hingegen ist das heisere Stimmbandduell, dass sich Lord K und Dan Swanö über weite Strecken der Scheibe liefern, brüllen die Kerle sich doch an wie auf  einer brünstigen Veranstaltung für rollige Mitvierziger im Kampf um die letzten verbliebenen Exemplare des abwaschenden und putzenden Geschlechts. Das macht richtig Spaß und zusätzlich verschluckt der Hahnenkampf die manchmal dürftige Instrumentalisierung eines zu fadenscheinigen Plankenganges. Was kann man der biersaufenden, um Umgangsformen wenig bemühten, tumben Metalgemeinde eigentlich zumuten. Oder wird unsere Intelligenz und Hingabe an die Materie sogar unterschätzt? Damals scheinbar war das Wasser trübe, weshalb das Ding im Giftschrank verschwand, und auch heute bin ich mir über den Gebrauchswert einer nicht leicht zu greifenden Platte unsicher. Leukemia vereint skandinavisches Flair (was wohl einzig der Produktion geschuldet ist), technisches Experimentiergut, melodiöse Wahnvorstellungen, thrashige Arrangements und (unaufdringliche) Keyboardsounds. Letztere haben die erschreckende Klanggewalt der finnischen Grand Prix Rocker Lordi. Natürlich stand das Ergebnis Leukemianischen Kalbens schon lange auf festen Beinen und fiel schließlich tot um, bevor die Maskenheinis die Schlagerwelt anpissten. Ist also nichts zusätzlich Besorgniserregendes. Die Musik wechselt dann hauptsächlich zwischen gewöhnlichen Riffs mit düsterer Note und Melodiebögen, die mancherorts wuchern wie Efeu an einer bröckligen Ziegelmauer. Dieser Fokus verschiebt sich im Laufe des Albums vereinzelt so weit, dass es sich wie kuschelig durchgeweichter Power Metal anhört, bei dem die Protagonisten die Gitarrensaiten mit erschlaffenden Schwänzen auf ihre Schwingfähigkeit überprüfen. Hochharmonisch, gewagt und häufig verloren. Denn dann wird der ganze Druck zum Schallloch rausgeblasen, wenn eine Melodie die andere am Gehänge packen will, um den Vorgänger zu übertrumpfen. Zu dünn, zu wenig Biss. Klar, da muss man sich schon ziemlich weit vorwagen, um so was anzubieten, und das in der Mischung mit Death Metal, der sich dem Schmusekurs nicht anpassen will, und klar gehört dazu auch eine erhöhte Portion Können. Nur zünden will es nicht so leicht. Auf der anderen Seite kann Leukemia aber auch richtig gut abgehen, das geschieht jedoch zu wenig, was wohl auch der Grund ist, dass sich die Scheibe so unwahrscheinlich in die Länge zieht. Also trotz aller Lobpreisung der beteiligten Protagonisten und ihres künstlerischen Schaffens über viele Jahre, und trotz der innovativen Streckungen und Beugungen auf „Love“, dieses Teil hätte auch weitere 15 Jahre den ranzigen Duft der Versenkung atmen können, und niemandem wäre es aufgefallen. 
5/10

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