Sunday, February 17, 2013

OKULAR – Sexforce - Cd



Wenn die nächste Generation dereinst auf ihrem Altenteil sitzt, es sich mit arthritischen Gelenken und runzligem Antlitz vor dem Kamin gemütlich gemacht hat, einen 12 Jahre alten Chardonnay in den zitternden Händen, dann werden sie verklärt zurück blicken. Zurück in eine Zeit, in der in jugendlichem Ungestüm kein Platz für keimende Erkenntnis war, als Weisheit lediglich dazu diente, beim Brote schmieren nicht die Tischkante zu zersägen. Und an die Zeit, als ihre Eltern mit eingeebneten, fest ins Gefüge des Geschmacks erodierten Einstellungen Unverständnis gegenüber mutigen Künstlern propagierten, die auf gewisse Weise Neuland betraten. Dann wird das Feuer knistern, und der Schein der Flammen spiegelt sich im satten Rot des Weines. Eine Träne verlässt zögernd ein trübes Auge und sucht ihren Weg durch die Gesichtskrater eines langen Lebens. Und einzig deswegen, weil das eine noch funktionierende Ohr „Sexforce“ von OKULAR aus Norwegen hört und schätzt. Was es damals nicht getan hat, weil es mit der offensiven Mischung aus Prog – Metal, Death und Black sowie mannigfaltiger klassischer Beeinflussung kaum mithalten konnte. In einer noch im Nebel verborgenen Zukunft wird sich das ändern, dann wird der sieche Körper wissen, dass er der richtigen Musik zur falschen Zeit gelauscht hat, dann wird er nostalgisch nach den eingestaubten Cd´s suchen, sich verträumt an die kleinen Dinger erinnern, wie einst der Urgroßvater an das Schellack. Dann tönen Melodien und Riffs durch das leere Anwesen, lassen Spinnen aufgeregt in ihren Netzen vibrieren und winzige Mäuschen neugierig aus ihren Löchern blinzeln. Eine gute Stunde anspruchsvolle Unterhaltung mit variablem Musizieren, mit trockenem, knackigem Frontalgebretter, mit schwülstigen Melonummern, mit Melodien und vornehmer Zurückhaltung, mit rasender Wut und omnipotenter Präsenz. Die bunten Breitbandvokalanlagen werden nicht geschont, Growls, Screams und herzverwässernde Gesänge sowie heldenhafte Choräle begleiten, melodisch, altmodisch und modern aggressiven Black Metal, vom Wahnsinn angespornten Death Metal und progressives Musizieren. Sie arrangieren sich mit Solis und Breaks, gezieltem Gas geben inklusive Bremsen vernachlässigen und traurigen Depressiv - Phasen. Zusätzlich und konstant wiederkehrend wollen Okular auch  nicht auf klassische Klavierstücke und klassische Gitarren verzichten, sperren quasi ein Kammerorchester in ihren metallischen Käfig. Das Album bietet zu viel, um es beim ersten mal zu überblicken und einfach auf den Latz ballern, das will es auf gar keinen Fall. Aber auch nicht populistisch einen auf gut vermarktbar machen. OKULAR legen sich nur auf eines fest, auf das Talent ihres kreativen Kopfes Andreas Aubert und den freien Fall in seine Kompositionen, dem blinden Vertrauen in sein Gespür.  Er will wohl nicht als der brutalste oder schwärzeste Norweger in die Geschichte eingehen, sicher auch  nichts revolutionieren, lediglich seinen blutigen Kreativfluss mit der alles andere als dafür bereiten Metalsippe teilen. „Sexforce“ ist unglaublich vielschichtig und garantiert nicht so leicht runter zu würgen, es ist anspruchsvoll, weil es so viele unterschiedliche Komponenten aus diversen Stilrichtungen mehr als nur geschickt verknüpft. Genau genommen steht die Scheibe für sich, Metalmorphing sozusagen. „Sexforce“ ist kein pures Nackenfutter, auch kein wehmütiges Rumheulen für Freunde des misslungenen Suizids, nichts für Puristen der Bleivertonung, auch nichts für sich in dunklen Wäldern verlaufenden Satanisten. Das Album ist open minded und verlangt das auch von seinen Hörern, und wer das kann bekommt ein fulminantes Werk nach Hause geliefert. Das Klientel dafür wird wohl überschaubar bleiben. Aber die Zeit der Besinnung kommt, wenn dann der ergraute Herr mit schütterem Haar in seinem Ohrensessel träumt. Schön war es damals, und welch großartige Werke haben sie hinterlassen, Kulturgut sind sie heute. Traurig, dass der Künstler damals unbekannt und verarmt gestorben ist.   https://www.facebook.com/okularmetal   
9/10

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