Thursday, May 23, 2013

MORGENGRAU - Extrinsic Pathway - Cd / Blind God Records



Gewöhnlich immer in die passende Konfektionsgröße aus dem Krabbelregal künstlerischer Marktverträglichkeit hinein, das kann scheinbar nicht jeder. Es gibt da immer wieder Leute, die lieber ihre ganze Jugend, öfter nun  sogar die ihrer Eltern in die Wundertüte packen, mit Enthusiasmus und Authentizität fest verschnüren und auf die Reise um den Metal – Globus schicken. So passiert es, dass eine Band wie MORGENGRAU in der Lage ist, Spuren im Sand der Zeit zu hinterlassen. MORGENGRAU sind 4 Texaner, was den Namen schon etwas ungewöhnlich erscheinen lässt, aber teutonische Geschäftstätigkeit hat auch die texanische Provinz schon mit der 1. großen Auswanderungswelle erreicht, und das der Name aus unserem Verständnis dezent albern klingen mag, sollte als Marginalie im Kapitel Lach und Krachgeschichten abgehakt werden. Mit 4 Texanern meine ich die etwas ungewöhnliche aber äußerst schätzenswerte Konstellation von 2 Damen und 2 Herren. Diesbezüglich sollte sich unser Pfläumchenblazer mal ein praktisches Beispiel für die Frauenquote in die Bundesnacht holen. Egal, die Musik der 4 ist knochenbrechender, stahlverbiegender und bleigießender Totmetall mit Thrash und Speed Markern und reicht von Morbid Angel über Asphyx bis zu Sepultura. Das bezieht sich selbstredend auf Material aus den frühen 90ern. Sogar Celtic Frost spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Und das mit Sepultura will erst gar nicht geleugnet sein, präsentieren sie doch ihre Version von „Inner Self“, vom 89er Beneath The Remains Album. Den Song spielen sie in nahezu gleichem Tempo, vielleicht etwas tiefer gestimmt und ist übrigens der einzige, bei dem da mal ein Kerl die Stimmbänder in Schwung bringt. Ansonsten gehört der Vocalpart Erika Tandy, die ihre Stimme in Vergangenheit einigen Undergroundkapellen geopfert, bei HOD auch mal geklampft hat. Das was sie da macht klingt schon nach Frau, ist aber immer noch angenehm tief, extrem rau und kantig. Ach so, die 2. Kampfamazone der Band sitzt übrigens hinter der Bollerbude, was mit dem Gerücht aufräumen sollte, dass Frauen eine Rhythmusschwäche hätten und an den Drums nicht mehr als Bum – Bum - Ping könnten. Die hier ist ganz gut dabei. Das will zu den Songs passen, wie der Arsch auf den Nachttopf. Die wiederum gestalten sich immer wieder neu, nehmen sie doch ständig auf andere Helden der Vorzeit Bezug, sägen schwer, oder rattern wie ein Schulbusfahrer im Delirium die Einbahnstraße runter, manchmal wird schwerlastig mit Bolzen geschmissen, manchmal düster mit Gänsehautharmonien gespielt. Die Riffs sind immer speziell und doch zeitgemäß, erzeugen beständig einen vertrauten Eindruck. Und unterm Strich machen sie bei der relativen Vielfalt ihrer Nummern nie was hochgradig kompliziertes, gar Anspruchsvolles. Die knallen die Latte auf genau die richtige Höhe, halten die Waage irgendwo zwischen trockener Funktionalität und technischem Mindestmaß, sind damit unstrittig eingängig. Der Wiedererkennungswert so manchen 6 Saiten Rittes ist vorprogrammiert, egal ob es dabei unterschwellig melodiös oder blutig mordend zugeht. Meistens liegen sie sowieso irgendwo dazwischen, verbinden Angenehmes mit Brutalem, als hätten sie sonst nichts vor. Thrash Metal Riffs, Death Metal dergleichen, die Grenzen verwischen und der rohe Kern des Metal liegt offen, befreit von seiner Kruste zu argen Kastendenkens. MORGENGRAU sind ein sehr ambitionierter Genreneuling mit viel Speck und Fleisch auf den Rippen, sie schöpfen aus einem Repertoire, das vergleichbaren Bands nicht im selben Maße offen zu stehen scheint, und rühren damit an eine Epoche, als das Eine blutjung aus dem Anderen erwachsen wollte. Ist so was wie eine restaurierte Momentaufnahme verschütteter Erinnerungen und zur Gänze gelungen. Reanimationsversuche am eingerosteten Corpus Metallus mit Dreikantfeile, Trennschleifer und Brechstang, aber auch dem nötigen Ölkännchen und viel Liebe zum Detail, so würde ich das Album gern verstanden wissen. 
9/10

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