Wednesday, June 26, 2013

NECROTIC DISGORGEMENT - Documentaries Of Dementia - Cd / Comatose Music



Der Amerikaner im Allgemeinen hat eine andere Vorstellung von Zeit, als der gemeine Mitteleuropäer, speziell wir als Vertreter der zeitknappen teutonischen Spezies. Bei uns geht alles fix nach fester Ordnung, immer am Ball bleiben musst du, sonst schlägt die Demenz in deinem sozialen Umfeld zu, und ratz - fatz bist du weg vom Schirm, einfach ausgeblendet und vergessen. Beim Amerikaner schleichen auch mal 9 Jahre durch die Prärie, bis eine Band ein neues Album vorstreckt, und da ist überhaupt nichts bei, das ist so, als käme man mit vertretbarerer Verzögerung vom Zigaretten holen zurück. „Hat etwas gedauert Schatz, bin aufgehalten worden … wem gehört der Rasierer?“ Alles kein Problem, das Selbstbewusstsein dort drüben, die Selbstverständlichkeit mit der sie ihre Dinge in Angriff nehmen sind beängstigend.
NECROTIC DISGORGEMENT  haben sich nahezu eine Dekade in schöpferischer Abstinenz gesielt (eine Promo und einen Song auf einer Split mit Heinous Killings – magere Ausbeute), und kommen dann mit so einem Blast zurück. Das Album, von dem herab Klischeenutten an Haken ihren Schicksalen harren, enthält alles was wir von Amis erwarten, die den Brutal Death Metal mit ihren Cornflakes bereits in den Morgenkaffee kippen. Wahnwitziges Tempo, pausenloses Getrete, Obertöne, groovige Riffs, Technik, Gegurgel aus der Abdeckerei, fantasievolle Geschichten von Serienmördern, all das sind Dinge, die auch die Band aus Ohio selbstverständlich ohne mit der Wimper zu zucken auf die Reihe kriegt. Ohne Kompromisse schlonzen die ein Album hin, das vor 10 Jahren genauso hätte klingen können, das keinen Boden an moderne Konkurrenten abgibt, das so schnell durch den Bahnhof rasselt, dass nur noch die Rücklichter am Horizont zu erahnen sind. Ehrlich, deren Drummer braucht eine persönliche Physiotherapeutin, der er immer mal an den Flansch packen kann, um runter zu kommen. Und natürlich zum Muskeln lockern, denn der arme Mensch leidet unter hochrhythmischen Dauertremor in den großen und kleinen Gelenken, der hört nicht auf zu zappeln. Ein Albumdieser Art ist mehr als nur eine brutale Vollbedienung mit geliebten Ingredienzien für Genrefans. Klar, ist das inhaltlich vielleicht schon ausgereizt, vor allem die Lyrics, die sich immer um Alice Schwarzer Themen drehen. Unterhaltung hat eben ein breites Band an Möglichkeiten, und da bleibt es den kreativen Damenbeglückern unbenommen, der femininen Seite auf spezielle Weise gerecht werden zu wollen. Das Körnchen mehr ist aber das kompositorische Zusammenspiel der einzelnen Akteure. Da stimmt alles haargenau, und wenn die Leadgitarre eins ihrer zahllosen und perfekten Solis vom Holz flitzen lässt, dann ist der Rest der Band eben nicht nur auffüllende Begleitung. Irgendwas passiert immer, da gilt es nicht nur auf das fast permanent durchgetretene Pedal zu achten. In technischer Hinsicht gehören NECROTIC DISGORGEMENT mit dieser Rille gewiss zu den interessantesten Acts, die momentan den Spagat zwischen eigenem Anspruch an ihr Können und rücksichtsloser Brutalität, gewollter Eingängigkeit wagen. Und so kommen Feinheiten mit ins Spiel, die beinahe im Dauerwirbel untergehen, dann werden Variationen auf 6 Saiten hörbar, die auch eine unterschwellig melodische Komponente beinhalten. Musikalisch sind die Jungs um Ben Deskins dann wesentlich dicker im Geschäft, als die Oberfläche das vermuten lässt. Für den Verehrer des „american way of destruction“ könnte sich „Documentaries Of Dementia“ zu einem der lohnenden Bissen in diesem Jahr mausern. Auf Augenhöhe mit Suffocation, Gorgasm und so Sachen, die auch schon in der Frühe für gute Laune und seltsame Blicke sorgen. Die Typen haben den Knoten jedenfalls nur locker um den Hals liegen, wenn die nicht wieder in bärigen Winterschlaf verfallen, könnte noch so mancher Nackenschlag folgen. Nur ist für den Amerikaner Zeit keine feste Konstante, sondern ein chilliges Phänomen. 
8/10

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