Friday, June 21, 2013

SEPTEMBER MURDER - He Who Invokes Decadence - Cd / Eigenproduktion



„Gegensätze ziehen sich an“, hat Frau Federowski in den 80er gewusst und eine beschwingte Schnulze aus ihrem Goldkehlchen geträllert, so schrecklich trivial, und die Katerstimmung am Morgen verhöhnend. Aber dran soll ja was sein an der These. Wenn es um Triebhaftigkeit geht, dann fließen die Körpersäfte wie Kaskaden aus Regenwasser durch die Decke einer aufgeweichten Gartenlaube. Gegensätzliches ist maximal reizvoll und wird in jeder Beziehung als Herausforderung betrachtet. Aber geht das immer gut? Das Zwischenmenschliche selbst scheitert ja schon häufig an dem Versuch, den Kontrapunkt auf die eigene Seite zu ziehen, unbewusst natürlich, aber absolut zerstörerisch für den Prozess. Und wie sieht das im Künstlerischen aus? Kunst hat eher was Intellektuelles (und kaschiert die Dummheit so mancher Pfuscher), Pragmatiker sind eher Grobmotoriker. Also geht der von anderen gern als smarter Knabe mit dem Röslein im Haar gesehen daher, und würzt das Leben seiner Umwelt mit Kunst. Kleckst Bilder, krakelt Noten, schreibt Gedichte, oder verschwendet die Zeit im Allgemeinen mit lediglich dem Gedanken daran. Hat er was gefunden, das er für sein „Ding“ hält, verlässt er mit Elan das Land der verträumten Lethargie. Und dann kommt es, angetrieben von Ehrgeiz und der Erkenntnis, dass das eine Marschtempo bald zu tröge wird, seine Intelligenz um ein paar Latten unterfordert, beginnt er zu mischen und zu experimentieren. Und dann haben wir den Salat, er versucht Gegensätzliches auf einen Faden zu fädeln. Das geht in der Regel gut bei egomanischen Kritikern mit einem gewissen Maß an Selbstüberschätzung (uns gefährlichem Halbwissen im Tender). Das geht eher schlecht bei den Konsumenten, die sich nun mal auf was Bestimmtes eingestellt haben und ungern ihrer Erwartungshaltung beraubt werden. Das gehört sich aus dem Blickwinkel des Kleingeistigen auch überhaupt nicht, wer mit verbundenen Augen in ein Steak Medium zu beißen  erwartet, der will doch nicht Spinat und Rührei schmecken. Oder ein Sternekoch aus der Televisionsröhre, wenn man den in der Frittenbude sieht, dann vermeldet der Springer das Ende der Haute Cuisine. Das will doch keiner? Oder doch ?
SEPTEMBER MURDER aus meinem patriotisch selten verteidigten Sachsen -  Anstalt (kann ich nicht verteidigen – muss immer so früh aufstehen) gehen genau diesen Weg. Ich kann mich rudimentär an den Erstling von vor 4 Jahren erinnern, und der war denk ich doch noch anders gelagert. Der Harzer Roller verknüpft eine moderne Variante des Death Metal mit nahezu schöngeistiger Akustik und progressiven Spielerein. In dem Versuch die Waage zwischen Hurrikan und lauem Sommerregen im Gleichgewicht zu halten, gelingen ihnen doch tatsächlich einige Überraschungsmomente. Kreativ scheint der Focus auf die Unruhe im Band - Pendel gerichtet, Stillstand ist Vergessen, und dagegen stemmen sie sich mit modernen Riffs und ruhigen Momenten. Daraus gebiert ein Wechselbad der Gefühle, von Schädel mit Bleirohren bearbeiten zu Arnika und Gänseblümchen – Flechten. Dass das nicht immer so harmonisch abläuft, an einigen Stellen schwerer zu verdauen ist als an anderen, dass auch einige Längen auftauchen, wenn sich das Bedürfnis nach Wärme im kalten Stahlgewitter zu lange im Kreis dreht, das liegt in der Natur der Dinge. Das Ende vom „Among Vultures“ ist zum Beispiel schon nach so 6 Minuten erreicht, hält aber noch weiter 4 Minuten durch, ohne das was Entscheidendes passiert. Und da liegt das Problem, der einfach gestrickte Hauf Drauf versteht einfach nicht, dass Künstler auch im Überflüssigen den eigenen Anspruch noch erweitern können. Dass so was im Schema der Band einfach sein muss, egal wie dumbatzi der Dödel vor der Bühne daher starrt. Und so ist es auch fest im Willen von überzeugend auftretenden Protagonisten verankert, das Death Metal gern mit elegischem Seitenzupfen ala Britpop unterbrochen werden darf (From Adoration…). Nur allzu lang verlieren sollten sie sich darin dann doch nicht. Sonst gewinnt die Selbstgefälligkeit. Noch aber ist der Eichstrich nach interner Norm bedeckt, das Bierglas angenehm gefüllt und nichts läuft bedenklich aus dem Ruder. SEPTEMBER MURDER bieten Euch ein Album, das von Brutalität (mit manchmal zu klinischen Riffs) wie auch gehobener Melodienwut zeugt, und beides fester zusammen zurrt, als zu erwarten gewesen wäre. Für Traditionalisten ist das sicher nichts, dafür lebt die Scheibe von zu viel Kompromissen und einer deutlich progressiven open - minded Attitüde. Rein künstlerisch ist es aber gerade deswegen eine fettes Pfund voller funktionierender Gegensätzlichkeit. 
7/10

No comments:

Post a Comment