Wednesday, July 17, 2013

WARFECT - Exoneration Denied - Cd / Cyclone Empire



Mich an die 80er Jahre zu erinnern, bedeutet mich an die intensivste Zeit meines Lebens zu erinnern, unabhängig vom taktstockschwingenden System. Dass ich ein Kind der „Zone“ bin spielt dabei gar keine Rolle, denn es war die Zeit meiner Jugend, die Zeit die ich am tiefsten inhaliert habe, am meisten gesoffen und gevögelt habe, die Zeit, in der ich mich selbst finden musste und auch gefunden habe. Das politische Pflaster haben wir uns nicht aufkleben lassen, wir waren wild und unangepasst, wer den Kahn gegen welche Wand fährt, hat uns erst mal nicht interessiert. Die 80er, das waren knallenge Jeans, von Mutter direkt auf die Spatzenwaden genäht, es bestand keine realistische Chance heil wieder da raus zu kommen, vor allem nicht nach einem durchgezechten Wochenende. Das Phänomen Stretch – Jeans erreichte uns erst nach dem Mauerfall. Die 80er waren geprägt von seltsamen Frisuren, gurkigen Dauerwellenübwergriffen, schrecklicher Pop – Musik und deren pandemischer Anhängerschaft, von Discos im Vollrausch mit Schlägereien, leergesoffenen Tresen, Bier für 40 Pfennig, und viel williger Damenbegleitung. Laute, frisierte Mopeds waren genauso Pflicht wie Metal, selbstgemalte Patches, Shirts und Buttons.  Meinen ersten Kassettenrecorder, eine Mono -  Plastikschüssel namens KR650, bekam ich mit 14, das Lizenztape mit klassenfeindlicher Popmusik wurde überspielt, zugunsten von  AC / DC, Accept und solch Sachen. Später waren es dann Metallica und vor allem Slayer, die  mir nächtelang den Schlaf raubten. Und teuer war dieser halbgare Luxusgegenstand, das könnt ihr mir glauben. Eine Dose Ananas im Delikatladen kostete 14 Mark, dann könnt ihr mal hochrechnen, was so ein lebenswichtiges Mitschnittgerät gekostet haben mag! Erste Konzerte wurden abgeklappert, die Szene enger geschnürt und ich selbst wurde Teil davon, wir lechzten Bands hinterher, die uns Coverversionen heldenhafter Combos vom kapitalistischen Aggressor spielten. In den 80ern wurde die Metal – Landschaft mal wieder umgegraben, was bei uns situationsbedingt etwas später ankam. Wir waren vielleicht der Zeit etwas hinterher, durch intensives Tapetrading aber doch mit guten Sammlungen ausgestattet. Auf Flohmärkten gab es überteuerte Alben, besser war es, wenn jemand „Beziehungen“ hatte und „Reign In Blood“ doch nur 50 Mark kostete. Auf jeden Fall wurde die Musik im Laufe des Jahrzehntes schneller, aggressiver und härter, es fand ein Wechsel im Gefüge statt und auch die Fans im Osten passten sich an, optisch wie auch in der Art, sich vor der Bühne oder auf den Dorfdiskos die Gelenke zu verrenken. Es war eine Zeit die wegweisend für die Zukunft war, die geformt und gestärkt hat, musikalisch wie auch persönlich. 

Und da stehen sie nun wieder reihenweise in der Schlange, die neuen jungen Wilden, die sich erbberechtigt fühlen, das Rad der Zeit nach ihren Konditionen zurück zu drehen und zu thrashen wie es die Ahnen taten. Respektlos wie die Vorbilder strotzen sie allerorts nur so vor Kraft und Selbstbewusstsein, müssen mit dem ungeliebten Wort Retro eine Zwangsehe führen und wecken in Zeitzeugen nostalgische Gefühle, wehmütige und stolze Erinnerungen. Qualitativ sind viele besser, als so manches Original, WARFECT aus Schweden gehören sicher auch dazu. Das aber macht die Musik noch lange nicht besser, wenn ihr versteht was ich meine. WARFECT selbst sind so ganz brandneu nicht unterwegs, auch wenn unter diesem Namen erst das 2. Album erscheint. Zuvor agierten die Musiker als Incoma, konnten die Demo  -Phase aber nie abschließen. WARFECT ist eine Thrash Metal Band, denen die Tradition aus allen Poren schießt, die bewusst deutliche Verknüpfungen in die Vergangenheit legen, die alle Ingredienzien der 80er verinnerlichen und definitiv auf moderne Genreverweise verzichten. Schnell wird klar, dass sie nichts anders sind, als eine sehr angenehme aber nicht sonderlich innovative Mischung aus Bay Area, Teutonica, und wiederum Slayer. Letztere stehen mit den Riffs unüberhörbar im Vordergrund, darauf haben die Herren aus Udevalla sich eingeschossen. Auf dem technischen Sektor stolpert es zwar diesbezüglich noch etwas, der Rest ist aber recht authentisch. Und doch fehlt das finale Körnchen Wahrheit, die ultimative Prise Stahl, die WARFECT über den mittlerweile hinlänglich bekannten Retrostatus hinaus führt. Ein musikalische Revolution kann man nicht wiederholen, allerhöchstens ehrerbietig würdigen. Und in der Reihe der Kniefallwilligen stehen noch so einige andere Kompromissunwillige vor ihnen. Das soll die Qualität der Musik nicht mindern, die zieht schon schön ab, ist Thrash ohne Makel. Im direkten Vergleich jedoch denke ich, dass „Exoneration Denied“ auch früher nur ein Album von vielen gewesen wäre, das das Potential zum Klassiker nicht innehat. Für euch Retroverrückte, die ihr nicht immer nur die alten Alben von der Halde holen wollt, ist die Rinde wahrscheinlich trotzdem so was wie Maßgeschneidert, also greift ruhig zu! 
6/10

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