Tuesday, August 6, 2013

KRATZER - KVAZAR - Split LP / 7 Degrees Records



„Eine Schallplatte ist eine meist kreisrunde und in der Regel schwarze Scheibe, die als analoger Tonträger für Schallsignale dient.“ Nüchterner konnte es der Wikipedia – Schreibkundige nicht ausdrücken. Das berücksichtigt keinesfalls, wie viel Leidenschaft und Liebe, wievielt Hingabe und Sammlerherz im PVC steckt. Was zur Hölle machen wir nur, wenn dem Araber das Öl tatsächlich ausgeht, kommt dann alles nur noch komprimiert aus der Steckdose, ist der einmalige und einzig wahre Klang der Musik dann unweigerlich Geschichte? Bis uns die Plattenapokalypse mit ihren erbarmungslosen Griffeln die Seele zerreißt, kann ich nur an alle Musiker appellieren, verewigt euch auf Vinyl, bevor ihr als Serverrandnotizen in einer digitalen Datenwelt in der Vergessenheit strandet. PVC macht eure Musik unsterblich!
Im Bewusstsein dessen haben KRATZER aus Hamburg ihre erste richtige Veröffentlichung auch auf genau dieses, einzig überlebensfähige Format ritzen lassen, haben jeden kommenden Kratzer, der sich mit den Jahren über ihre Scheibe quer legen wird, als authentisches Geräusch einkalkuliert. Am Ende unterstützt das sogar den Sound der Nordlichter, die mit Crust und Grind eine weniger grobe Kelle schwingen, als sich im Chaos ähnlich gearteter Bands vermuten ließe. Denn ihre Stücke sind weder versteckt melodisch, noch gewöhnlich primitiv oder sonst wie einfach gestrickt. Ganz im Gegenteil schwingt beständig ein melancholischer Tonus mit, der nicht mal versucht, sich im Unterschwelligen zu verkriechen. Dafür verantwortlich zeichnet ein nachdenklich wirkendes Songwriting und vor allem eine Klampfe, die nicht nur satt und dick und sparsam mit Akkorden umgeht, sondern auch Melodien an die Leinwand pinnt, die in Schwermütigkeit und suizidalen Tendenzen besorgniserregend Krawall fabrizieren. Weit weg von schöngeistiger Kunst – nur um Missverständnisse auszuklammern. Im gleichen Kontext krakeelt der Sänger seine deutschen Texte fast bedauernd in das Aufnahmegerät. „Laufrad“, „Zeitverlust“, Exit Alltag“ etc. Hätten die 70er schon dermaßen rigoros nach Aufstand brüllen können, wäre das wohl die Baustelle von Ton / Steine / Scherben gewesen. Die Ideologie zumindest scheint mir verwandt. KRATZER schreiben leider keine Lyrics zum mitrevoluzionieren … wer sein Anliegen so rau hinkotzt, der ist rein akustisch schwer zu verstehen. Aber das Gefühl von Wut und Enttäuschung ist damit perfekt transportiert. Melodie und lyrische wie instrumentale Gewalt scheint mir eine gute Kombination, die es sich in Erinnerung zu halten lohnt.
In Erinnerung behalten solltet ihr auch den Split – Partner KVAZAR. Die aus Griechenland stammende Band hat nämlich schon Ende 2011 die Segel gestrichen und hat sich patriotisch mit dem eigenen Land in die Pleite verabschiedet. Gut, das ist plakativ, Tatsache bleibt, dass die Musiker aus welchen Gründen auch immer aufgesteckt haben und noch ein paar Geschichten im Nachlass zurück ließen. Diese besiedeln nun die B – Seite des PVC Erlebnisses und gebärden sich nicht im Ansatz so nachdenklich und tief gestellt wie die Hamburger Kumpel. KVAZAR ist kurz und knackig, die Musik um einen mörderischen Bass gewickelt. Melodie gibt es auch irgendwo randwärts. Wichtiger scheint stampfende Kakophonie mit dezent technischem Verständnis. Vordergründig crustetn die Aufnahmen ohne jegliche Rock Attitüde und sind damit mehr Punk als manch waschechter Punk das von sich selbst annimmt. Heiser rhythmisch, gewollt einfach gestrickt, dergestalt malträtieren sich die Stücke selbst, sind ungemein eingängig. Und deren chaotische Absicht wird vornehmlich vom krakeelenden Frontmann gesteuert, der Rest ist nicht erpuicht, besonders außergewöhnlich zu sein. Auch nicht zu banal, irgendwo unauffällig mittendrin. Das könnte auch ein Grund für das frühzeitige Aus gewesen sein, ist aber rein spekulativ. Bemüht kantig durch das Ohr zu bluten sind die Hinterlassenschaften griechischer Kultur genauso dem Verfall gewidmet, wie das große kulturelle Erbe der metrosexuellen Südeuropäer. Mit der Wurzel im Vinyl jedoch bleibt das Konzept von „laut und heftig“ ein Fanal für die Ewigkeit.
Der europäische Schlagabtausch wider das Establishment ist auf jeden Fall einen Griff in die Haushaltskasse wert! 
7/10

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