Wednesday, August 7, 2013

WAKE - False - 12 Lp / Handshake Inc / 7 Degrees Records



Die Schönheit abstrakt erscheinender Kunst liegt in der Disharmonie zum Gefälligen und Gewöhnlichen. Vorgeprägte und meist in der Breite akzeptierte Eindrücke und Gewohnheiten werden karikiert und der Konsument, der Pseudo – Wissende fühlt sich in seinem Unvermögen die Welt hinter dem Tellerrand zu begreifen, vor den Kopf gestoßen. Dabei scheinen die Worte Schönheit und Disharmonie in keinem positiven Kontext zu stehen, aber genau das ist auch beabsichtigt. Nur wer im Chaos eine Gesetzmäßigkeit sieht, das Chaos als Werkzeug nutzt, um Emotionen und Ansprüche durchzusetzen, der kann die Schönheit auch von ihrer hässlichen Seite lieben, nur dem gelingt es, Kunst allumfassend zu verinnerlichen. Das gilt für perfide oder profane Pinselschwinger, Knetmodellbauer, Schauspieler zum Selbstkostenpreis, alternative Kettensägenmörder und schließlich auch für Musiker ohne Ambitionen dem Establishment die Kimme zu lecken. Selbst im kakophonischen Konfusionsmekka der Grindcoregemeinde gibt es Individualisten, die das gezielte Durcheinander noch mit Lust auf die Spitze treiben und den 3 Akkorden den Schneid abkaufen. So zum Beispiel bei WAKE aus Kanada. Bei denen scheint der konzeptionelle rote Faden so was wie eine Augenbinde bei er Blinden Kuh zu sein. Erst mal wird es finster, und dann muss jeder selber sehen, wie er sich unter dem Diktat des defekten Lautstärkereglers zurecht findet. Spaß und Unterhaltungswert sind nicht im Grundpreis enthalten, wenn man sich nicht auf die totale Abwesenheit von Groove und gut verträglichen Rhythmen, von einfachen Strukturen verabschieden will. Das aktuelle Album erscheint Unvorbereiteten, so wie das ganze Schaffen der Band, als beängstigende Misstöne von willkürlich gepeitschten Instrumenten zu sein. Erst hinter dem Vorhang des Normalen entpuppt sich die Genialität des Besonderen, die das Tohuwabohu einer explodierenden Maschinenhalle als künstlerischen Inbegriff von Schönheit interpretiert. Hektisch, ruhelos und irgendwie von unbekannter Pein getrieben, wetzen die Musiker ihre Instrumente gegeneinander, lassen Granit ohne Brechstange und Dynamit zu Staub zerbröseln. Es bedarf lediglich bloßer Anwesenheit und das individuelle Nervenkostüm erzittert. Synapsen klickern untereinander in Kombination, wie es in der menschlichen Anatomie ursprünglich nicht vorgesehen war. Aber es war sicher auch nicht vorgesehen, dass eine Grindcoreband daher kommt, die das Genre so schamlos vorführt und gleichzeitig zurück zu ihren Wurzeln drängt. Das Repertoire reicht von dumpfen Dröhnen bis hin zu entgleisten Orkanrauschen, handelt von schrägen Zwischenstopps und unübersichtlichen Gefühlsausbrüchen, kreischenden Feedbacks und psychedelischen Befindlichkeiten. In sich ruhen vermag das etwas zu kurz geratene Album nicht, dafür ist die Zeit entweder ein zu kostbares Gut, oder aber auch nur Werkzeug zur Umsetzung ideologisch schwer bestimmbarere Fantasien. „False“ muss als Ganzes gesehen und verstanden werden, einzelne Songs ins Licht zu zerren, würde den noch nicht ganz deutbaren Zusammenhang unwiederbringlich zerreißen. Und man muss definitiv bereit sein, ein erhebliches Maß an Schmerzen zu ertragen, weil gängige Mittel zur Trümmerbekämpfung bei WAKE nicht greifen. Schnell und laut ist nicht alles, reicht nicht um der „entarteten“ Kunst den eigenen Stempel auf den Schinken zu brennen. Nur der Faden des befreiten Verstands hilft, den Weg aus dem Labyrinth zu finden und dem Minotaur zu entgehen. Wenn nicht, gerät man schnell unter seine stampfenden Hufe und verliert den Bezug zur Realität. Genauso wie es bei WAKE der Fall sein könnte, wären sie nicht zumindest Mitkonstrukteure der verschlungenen Pfade, hätten sie das Oberflächliche nicht selbst schon längst satt. Wenn der Hexenkessel dein zuhause ist, dann müssen deine Gäste selbstverständlich dicht beim Feuer Platz nehmen. Dann hast du Hausrecht und kannst auftafeln, was dir mundet. Und sei es Musik, in der Verwirrung der zentrale Pfeiler ist, die eben keiner Harmonie bedarf um ans Ziel zu kommen. Nur was das Ziel ist, das muss sich noch heraus stellen, so weit bin auch ich noch nicht vorgedrungen. WAKE taugen aber auf jeden Fall zu mehr, als sich nur mit Kurzweil den Arsch vertrimmen zu lassen. Vieleicht weiß Gott da genaueres, aber dem werden gerade behandlungsbedürftig die Ohren klingeln! 
8/10

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