Wednesday, October 9, 2013

BOAL - Infinite Deprivation - Cd / Sevared Records



Gestern beim Kieferchirurgen; Ihre Weisheitszähne müssen raus, machen wir gleich alle vier. Oben sehen nicht mehr gut aus und unten irgendwas von Taschenbildung, entzündliche Prozesse, alles ganz schrecklich. Haben mir das Prozedere erklärt, von freilegen, abschälen, ungünstiger Zahnstellung, dem Risiko von Nervenschäden; Wenn das Gefühl nach 2 Jahren nicht zurück kommt, dann kommt’s gar nicht mehr. Ich glaube da bin ich ausgestiegen. Erst bei der Erwähnung der Kosten für die Anästhesie stellte sich mein Wachzustand wieder her. Und bringen sie Bares mit, nur Bares ist wahres, sagt der Zahnarzt. Freudig und strahlendweiß lächelnd werde ich verabschiedet. Husche schleunigst durch das Wartezimmer hinaus, das vollgestopft ist mit verzweifelten und blassen Gestalten. Nun habe ich noch 4 Wochen bis zur Hinrichtung. Meine Zähne werden vor Panik stumpf und auf der Zunge stirbt ein Biber. Ich muss das unbedingt aufpolieren, den Horror abschütteln. Habe mir BOAL aus den Niederlanden geschnappt, deren Album „Infinite Deprivation“ aufgelegt…und alles nur noch schlimmer gemacht.
Das was da auf mich überschwappt, ist eine dem bandinternen Selbstbewusstsein entschlüpfte bunte Variante aus Immolation, Gorguts und Disgorge. Das ist es was sie glauben das sie da tun. Tatsächlich weiß ich selbst nicht so recht, wo der Hase lang humpelt, ob ihn der Igel schon wieder beschissen hat. Ganz deutlich progressiv ist die Bassgitarre, die über weite Strecken ein Eigenleben führt und größtmöglichen Freiraum hat. Der 6 Saiter ist da schon kontroverser, oder doch nur unentschlossen. Das Repertoire reicht von dezent technisch über brutal bis hin zu schrammlig und langweilig. Letzteres siegt fast immer im Kampf um Dominanz. So geschieht es, dass sich ganze Teile der Songs ergeben, die Waffen strecken, weil sie von der Langeweile, von nicht zu gebrauchenden Wiederholungen geschlagen werden. Dann aber wieder knattert die Batterie ganz amtlich, lässt sich von einem fitten Drummer vom Rand der Klippe ins Nichts wegzerren. Nur der Drang zum Abgrund scheint größer als der unbedingte Durchhaltewillen. Und so kehrt das Album ein ums andere mal wieder an Sprungkante des Vertretbaren zurück. Besser wird es auch nicht, das merke ich, als die Wirkung des Kühlakkus auf meiner akuten Wange nachlässt, wenn  der Sänger seinen Teil zum Sumpf aus Terror und gutem Willen dazu growlt. Tief wie der Andreas Graben, und nuschlig wie Brad Pitt in Snatch, so intoniert er seine Gedanken zu den rumpelnden bis gewaltbereiten Stücken, brubbelt alles raus was ihm zu einem erbarmungslosen  Drumkit einfällt, zu einem frei laufendem Bass auf Egotrip, zu einer Gitarre, die stumpfer fräst als ein zahnloser Schwertfisch, die viel öfter nach Gore und Blutvergießen der primitiven Art kling, als sie je beabsichtigt hat. Trotz all diesem Zeugs im Backpack ist der Fronter nicht in der Lage, irgendwelche emotionalen Farbtupfer in sein sonores Rödeln zu bringen. Ich glaub der hat die Prozedur mit dem Zahnmörder gerade frisch hinter sich gebracht und kriegt nun die Kiefer nicht mehr auseinander. Ich bekomme feuchte Hände und kalter Schweiß läuft mir über die Stirn, in Erwartung dessen, dass mir wildfremde Menschen im Maul rumsäbeln und sich dabei über das nasse  Wetter und die Angebotspreise bei Kaufland unterhalten. Ach Gott, meine Fantasie brennt mit meinem Verstand durch. Das hätte ich mir auch für BOAL gewünscht, denn phasenweises Aufblitzen musikalischer Intelligenz ist nicht gleichbedeutend mit intelligenter Musik. Trotz der jahrelangen Bühnenerfahrung der Musiker in diversen anderen Formationen, haben sie sich zu einem Undergroundprodukt mit echtem Kellerfeeling hinreißen lassen. Vielleicht muss man auch der Produktion den einen oder anderen Misston ankreiden. Der Druck stimmt zwar, ist sogar enorm luftraubend, verschluckt aber die Feinheiten, die sich hinter dem Geschredder wie ängstliche Hamster verstecken. Der Tanz der hohen Saiten, der Ritt auf den Obertönen, der technische Anspruch, all das geht sang und klanglos unter, oder kommen zumindest nicht so zur Geltung wie sie es verdient haben. Ganz vorn steht eine Rhythmusgitarre, der die Ideen ausgehen und der brummige, nach einer ungewaschenen Socke im Oralschacht klingende Gesang. Unter Strich ist das Album sicher nicht so übel wie meine auf mich zueilende Erfahrung mit dem Zahnklempner. Doch zu viel Stumpfsinn und die Prioritäten an der falschen Stelle, sind auch nicht hilfreich. Gut für Leute, die schon morgens mit Wodka gurgeln und die Eier so lange kochen, bis sie weich sind. Brutal und roh wie ein texanische Frühstück – wem das Rustikale zur Genüge gereicht, der darf sich angstfrei mit BOAL beschäftigen. 
5/10

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