Monday, October 7, 2013

CRAVEN IDOL - Towards Eschaton - Cd / Dark Descent Records



London; anno domini gerade jetzt:
Notingham ist nach London gekommen. Der Sheriff muss zum Petzrapport beim bösen König  John.  Es geht um Steuerhinterziehung  in der Landwirtschaft, den dramatischen Rückgang des Wildbestandes durch Nichtbeachtung von Umweltschutzpräambeln, Alkoholismus in religiösen Vereinen inklusive des Diebstahls diverser Immenvölker und deren Erträge, und außerdem gibt es keine Jungfrauen unter 12 mehr. Der moralische Verfall der Jugend steht ganz oben auf der Agenda und die alternden Verantwortlichen haben aufgesteckt. In den  Dungeon, dem Quartier von IM Sherriff derweil hat sich ein in strumpfhosen-camouflage gekleideter, schlanker und seltsam bemützter Geselle eingeschlichen. Seine Körperhaltung ähnelt einem englischen Langbogen, immer auf Spannung und kurz vor dem Abschuss. Er durchwühlt heimlich die Plattensammlung des gesetzestreuen Provinzwächters, ohne die er sei geliebtes Büro in Notingham nie verlässt. Sei es aus reiner Nostalgie oder weil zu Hause alles geklaut wird, was sich halbwegs versilbern lässt. Drunten im Keller nun wirft der Einbrecher namens Robbi die Kapuze eine Vinylleckerei nach der anderen auf das Grammophon. Schon bald füllen düstere und hasserfüllte Töne die Gänge und Katakomben, hallen von den Wänden der Folterkeller wider und reanimieren so manchen Rattenkadaver. Bässe bollern und sinistere Rhythmen sorgen für Unmut beim Hauspersonal. Überall rieselt Staub und Mörtel aus den Ritzen, Kerzenwachs versaut die frisch polierten Fliesenböden und Fensterscheiben klappern wie damals als die Bomber kamen. Bathory, Possessed, Venom, Absu, Sarcofago, die ganzen alten Finsterkamellen geben sich da unten im Loch ein Stelldichein und Robbi die Kapuze bemerkt nicht, dass hinter der Tür ein anderer Dieb lauert, ein Geistesdieb, Guy von Gipsbein. Der Schelm und Hobbymusiker saugt den Ideenpool der knisternden Platten und ihrer Protagonisten auf wie ein trockener SpongeBob das Frittenfett in der Krossen Krabbe. Mit so viel Input schleicht er sich am roten Faden des Schuldbewusstseins ins nächtliche London und gründet eine Band. Voila und Bamm, da haben wir CRAVEN IDOL, einen Bastard aus allem was mal böse und heroisch das Musikbiz malträtiert hat oder in seiner unheiligen Arbeit weiter hoffnungsvoll ist. In CRAVEN IDOL hört man sie alle. Und doch erinnert die Musik mich an die arme Kirchenmaus, die immer von der Hand in den Mund leben musste. Hat nichts geerbt, keinen Schatz unterm Kopfkissen, keine Lieblingstante mit einem Koffer voller Diamanten, keine Dachböden voller Antiquitäten, keine Millionen auf Auslandskonten, nur trockenes Brot und Schulden. Und jetzt, mit eigener Scheibe, mit halbwegs eigenen Kompositionen, mit Öffentlichkeit und guter Presse ist das Spielzimmer plötzlich übervoll. In der Hölle ist noch Platz und es stapeln sich Generationen von Beglückungselementen, alles erscheint übergroß und so satt. Der Boden ist übersät mit musikergerechten Unterhaltungselementen, es darf aus dem Vollen geschöpft werden, gedarbt wird von nun an woanders. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend angenehm, die Auswahl gigantisch. Und da steht er nun, der Guy mit Gipsbein und weiß sich der überflutenden Eindrücke aus Black und Thrash nicht mehr zu erwehren, bekommt prosperierendes Kniewackeln und ahnt vieleicht, dass bloßes Nachahmen nur in der DDR legitim gewesen ist, aus Ermanglung an Originalen. Heute aber fühlt er sich ertappt, weil er so viel von anderen genommen hat und so wenig von sich selbst gibt. Dabei wollte er doch nur dazu gehören, sein Schattendasein endgültig abschütteln. Nun lieber Freund, eines solltest du wissen, auch wenn Robbi die Kapuze ein wahrer Gauner ist, der sich mit diebischer Freude an fremden Tafeln labt, so ist dein Vergehen sträflicher zu werten, denn du trägst es willentlich nach außen und hoffst dass niemand merkt, wem die Lorbeeren tatsächlich gebühren. Du bist ein schlimmer Finger. Aber ansonsten haben du und deine Schergen ein gutes Gespür im Umgang mit elektrisch verstärkter Instrumentalartillerie, also vertrau auf dein Gefühl und nicht auf deine klebrigen Hände.
Als der Sheriff zurück  in den Keller kam, schien alles in bester Ordnung, abgesehen von den grimmigen Blicken der undankbaren Angestellten und seltsam bekannter Musik, die plötzlich von jenseits der dicken Mauern in die Gemächer drang. 
5/10

No comments:

Post a Comment