Tuesday, October 29, 2013

SKELETHAL - Morbid Ovation - Tape / Disharmonic Records



Als ich letztens im Zauberwald unterwegs war, drunten im Sächsischen, hörte ich hinter Farn und Fels ein Stöhnen. Unsicher ob ich weiterziehen oder hinter das Grün spähen sollte, kam von dort folgendes Gemurmel, begleitet von Geräuschen deutlichen Unwohlseins; "Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich dacht…“ und ich dachte, ist der haarige Depp schon wieder drauf reingefallen. Klassische Konditionierung bei Wölfen kann mühsam sein. Also wagte ich mich in das Gebüsch (nagelneu – nicht gebraucht) und siehe da, hier liegt er, der neueingewanderte Räuber, der Lieblingsfeind von Jäger und genossenschaftlich nicht mehr organisiertem Viehzüchter. Ich sag mutig zu ihm; „ Du bist mir ein Vogel, lässt du dich schon wieder verklapsen von diesen pubertären zickigen Blagen?“ Beschämt schlägt er die Augen nieder; „Müssen wohl Wackersteine sein“ „ Wackersteine Mann!!! Selbst dein Vokabular stammt noch aus des Schriftstellers Antiquitätentruhe, Schlackesteine werden sie dir im Wanst versenkt haben, 800 x 500, da reicht einer und erlebst die Verstopfung deines blöden Rumexistierens, aber lass mal horchen“ Mit dem Ohr auf der prallen Raubtiermitte beschleicht mich schnell ein anderer Verdacht! Die Kids von heute sind einfallsreicher geworden. „Das kenn ich – das sind Magnetbänder, die spulen da drin kreuz und quer herum, verdammt dich haben die kleinen Scheißer aber ganz fies auf dem Kieker. Hätten die dir die neue Antrittsrede vom pflaumenfarbenen Blazer gegeben, vom hoffnungsvollen Streben, gemeinsame Lösungen zu finden, während ihre Hände in einer obszönen Gebetshaltung verharren, hätte es dich nicht schlimmer treffen können. Du wirst für den Rest deines elenden Siechtums lauter rumpeln als die Marschkapelle beim Schützenfest. Na ja, viel Glück dann noch und halt den Darm steif, hilft bei der Verdauung“. Aber zu helfen gab es da nichts mehr, blieb zu hoffen, dass ihn der Jäger schneller findet als der Wahnsinn. 

Denn was da in ihm herum donnerte, war ein locker geschnürtes Paket an holperndem Frühneunziger Death Metal aus europäischer, vorzugsweise nordischer Fertigung. Verantwortlich für die Überproduktion von Magensäure und den steigenden Stresspegel bei Meister Isegrim zeichnen zwei unbedarfte Franzosen, deren Bio so kurz ist wie fernöstliche Geschlechtsorgane; SKELETHAL mit H aus Frankreich. Das Duo, so steht es zu lesen, wollte fix mal Death Metal spielen, haben ihre Instrumente in den Keller gestimmt und ein Demo aufgenommen, fertig. So einfach kann es sein! Im früheren Leben oder der Parallelwelt, hauptamtlich und wohl etwas weniger leidenschaftlich thrashen sie in einer Kapelle namens Infinite Translation. Von denen haben sie aber nichts mit ins morsche Boot gepackt, SKELETHAL ist unzweideutig genau das was der Demotitel verspricht, ein Kniefall vor dem sinisteren Herren der Morbidität. Und so wie die ihre 4 Stücke blauäugig in den freien Raum schmettern, bekommen auch Tote Kopfschmerzen. Das nun wieder kann ruhig als Kompliment stehen bleiben, denn auch wenn der Sound ein unüberwindbarer Sumpf aus Bässen und Übersteuerung ist, auch wenn der Mann am Mischpult einem Herzinfarkt erlegen sein muss, verbirgt sich dahinter ein aufrichtiges Bleigewitter. Vor allem die Kakophonie der Leadgitarre gemahnt zur Ehrfurcht vor der Disharmonie! Kein Wunder dass sich der Köter da im Busch windet wie ein Regenwurm am Haken. Denn was er ertragen muss, ist eine sehr rohe Mischung aus schwedischen Urtönen, britischem Schlachtenlärm und spanischen Geschmacksverirrungen der grauenhaften Art. Die Riffs donnern vor den Drums davon und die Solis quietschen und jammern dazwischen. Der Verursacher biologisch bedingter Verbalausfälle growlt unterirdisch heiser und Kehlkopfkrebs – würdig. Tempo raus nehmen aus dem Geschehnis geht gar nicht, lieber noch einen Akkord mehr in die Kiste packen, die Regler hoch drehen und kräftig schütteln. Das Ergebnis ist dann tatsächlich die Art Death Metal, die als sie noch in den Kinderschuhen stank, ihren Platz vorrangig auf Tape fand. Für die Jüngeren unter euch wird es jetzt schwer, die eingetrübte Vorstellungskraft zu fordern. Stellt euch vor, das kommt aus einer Zeit, als Handys noch begehbar waren, das Telefonbuch nicht per App erreichbar war, sondern an der Kette hing. Wen verwundert es also, dass die Rotznasen nichts besseres mit dem Band anzufangen wussten, als es dem Wolf in den faulen Rachen zu schieben. Der muss sich nun mit einer Glanzleistung feinster Gewaltbereitschaft abfinden. Mit Musik direkt vom Friedhof, dort wo Grabsteine bröseln, Nebel das schlimmste verdeckt und Tote aus knarrenden, schlecht vernagelten Kisten steigen. 

Also SKELETHAL; das ist in Duo mit dem blutendem Herzen am rechten Fleck, mit dem Gespür für die gute alte Zeit, als wir uns noch ein Ozonloch leisten konnten, eine Band so unbeherrscht wie ihre nicht immer zu Ende gedachte Musik, so laut wie das Getöse ihrer zur Tierpflege ungeeigneten Bänder, so hemmungslos wie ihr Wille, das größte Chaos jenseits der Mosel loszutreten. Und das ist eine Band, die der Zeit den Zahn gezogen hat, denn obwohl vieles durcheinander geraten scheint, machen der Donner und das Blitzen auf akustischer Ebene viel Spaß. Weil der Schmalz aus den Ohren gesprengt wird. Noch sind sie nicht am Krematorium ihrer Wünsche, aber die schwarze Kutsche findet den Weg. 
6/10

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