Tuesday, November 19, 2013

DEROGATORY - Above All Else - Cd / FDA Rekotz



Unbeschriebenes Papier lässt sich am leichtesten bekritzeln. Da muss noch nichts radiert, retuschiert und wegstreichen oder überpinselt werden. Da kann man seinen Gedanken noch einen jungfräulichen Lauf lassen, blauäugig eigenen ideologischen Fantasien nachlaufen und aus vollem Darm auf alles scheißen was dereinst mal Kritik bringen wird. Es lässt sich leicht frisches Material auf sauberen, auf absolut reinen Untergrund auftragen, es muss nicht fremd vorgrundiert werden und die Farben darf man sich noch selbst aussuchen. Und wenn eine Metal Band ihre ersten Stehversuche auf diese Art hinter sich bring, erzeugt sie selbst Rückenwind durch eigenverantwortliche Defloration … in künstlerischer Hinsicht. Und wenn sich ebenjener Idealismus mit Wut und Geschick paart, wenn das Können zumindest ebenso potent ist wie das Wollen ist, dann kann das Ergebnis, die ersten Stolperer auf abgelatschtem Pflaster nur spannend werden. Dass das unterm Strich natürlich nicht unbeeinflusst von äußeren Faktoren bleibt ist trotz besagter Jungfräulichkeit wohl schon klar, nur ist es leichter frei von der Leber zu spielen, als wenn man als etablierte Krawallfritöse seinen Stempel in der medialen Öffentlichkeit weg hat. Noch lässt es sich stolzieren als wäre der Preis der Welt mit dem elterlichen Sparstrumpf zu begleichen. Noch fährt man die  selbstkonstruierte Achterbahn über aller anderer Köpfe ohne Sicherheitsmaßnahmen zu berücksichtigen.

Auf vergleichbarem Niveau, auf ähnlich forscher Basis agieren 4 junge Herren aus Kalifornien, die demnächst ihr Debüt über den Teich wuchten, einen dieser klischeebefangenen …TORY Namen ihr eigen nennen und gar nicht so plakativ brutal mit der Unschuld und den Innereien der gängigen Text-, und Musikinhalte tumber, grenzdebiler Patrioten spielen, wie daraus leichtfertig zu schließen wäre. DEROGATORY erscheinen mir musikalisch eher introvertiert. Sie stricken sich da was zusammen, das auf gewisse Weise schon sehr heftig ist, an pfeifenden Obertönen kommen sie zum Beispiel auch nicht vorbei, aber dieser Part ist weniger offensichtlich als bei all den üblichen Frauenverstehern sonst gemeinhin akzeptiert. Und so richtet sich der Fokus auf technisches Zusammenspiel, auf Musik die sich als Mischung aus Pestilence und Gorguts versteht, die Elemente früher Deicide und diverser Thrash Metal Bands beinhaltet. Und es rücken auch mal (etwas zu druckentspannte) Riffs in den Hintergrund zugunsten freigelassener Solis, die so klassisch über das imaginäre Dach huschen, weinen und melodisieren wie es nur eben möglich erscheint, die manchmal verträumt sich selbst überlassen scheinen. Im Partnerlauf wirken die Riffs dagegen beinahe zögerlich. Und insgesamt etwas zerfahren, mit wahrscheinlich dem einen oder anderen Richtungswechsel zu viel. Das führt mitunter dazu, dass der Eindruck entsteht, hier wäre was lose zusammen gehäkelt. Hier würde der Fluss ins Stocken geraten, hier hat sich die Band von ihrem straffen Songwriting verabschiedet und lässt reichlich Raum für Spontanität und Improvisation. Letztendlich muss das aber nicht die schlechteste Entscheidung sein, noch ist das Blatt schließlich weiß und die Feder führen sie selbst dahin, wo sie Spuren hinterlassen soll. Als Gegenpart fungiert die Bassgitarre sehr freizügig, entfernt sich immer mal wieder vom Rest des Geschehens und macht dabei einen relativ verspielten Eindruck, als würde sie kurzfristige, latent jazzige Freigänge zu genießen wissen. Und na klar gelingt es dem Quartett auch, die Sache mal locker rollen zu lassen, mit zügigem Drive über die Kante zu fliegen (Immortal Divine) oder offensiver Thrash Metal zu verarbeiten (Twisted Aeons Of Burning Galaxy).

Doch gibt es nun aus all den Zutaten, derer reichlich am Start sind, eine tatsächliche Quintessenz zu gewinnen?  Die Band versucht nicht immer wirklich geschickt aber über die Maßen talentiert ein tiefgestaffeltes Bild von sich selbst zu geben. Ein Portrait aus sich überschlagenden und ab und an mal in die Ecke kotzenden Noten, das zeigt wie komplex das Vorhaben ist, wie hoch sie die Ansprüche an sich selbst stellen. Und dass das beste Mittel, um sich als junge Band so reif wie irgend möglich zu präsentieren, klassischer Death Metal mit sympathischem Regionalcharakter ist. Da muss dann auch nicht alles stur geradeaus laufen, soll es vielleicht auch gar nicht. Wer sich so freimütig mit einer Mixtur aus direktem Geballer, technischen Finessen und progressivem Mut beschäftigt, hat schon Dinge hinter sich gelassen, die andere immer noch zu finden hoffen. Der Sound hätte ruhig mehr Schmackes vertragen können, aber Alben von Gorguts oder Atheist waren ja auch nie die Basshölle. Dergestalt haltet ihr bald einen Diamanten in den Händen, der zukünftig noch mehr Schliff bekommen wird und damit auch umgehen kann.
7/10

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