Saturday, November 23, 2013

DISCURE - Mcd / Blacksmith Records



Das System schlägt Rostblasen und gewiefte Verblödungstaktiker haben uns die Chrompolitur geklaut. Der soziale Breiarsch der Mitte bröckelt an allen Cellulitisecken  und wir starren drauf wie die Lemminge in Erwartung einer nie erfolgenden Fütterung irgendwo jenseits der Klippe. Den Zug abwärts hält niemand an und die Passagiere führen demokratische Debatten über Notbremse oder Ausharren. Über die, die sich dem Niedergang bereits ergeben haben, schreiten wir einfach ignorant hinweg. Nur die Scheißberge unseres eigenen Ereignishorizontes erwischen wir ständig in vollem Lauf.  Fiese Tretminen überall,  und niemand räumt sie weg, lieber explodieren unsere Gemüter, wenn wir wieder eine erwischt haben, anstatt sie mit der Schaufel ein paar Etagen höher zu katapultieren, hin zu denen die sie auf den Gehweg gekackt haben. Aber wahrscheinlich mosern wir auch auf zu hohem Niveau, gemessen an globalen Problemen. Nur, warum immer nach unten orientieren? Nun hat uns die Dummheit, verordnet durch parlamentarische Demokratie und medialen Stumpfsinn blöderweise fest im Griff und so hecheln wir einer Hand voll Körnern hinterher, während im Speicher die Reserven Junge kriegen. Das probateste Mittel gegen Unzufriedenheit heißt Panem Et Circenses, das ändert zwar nichts an der Basis, lässt aber selig vergessen, oder frustriert wenn man´s durchschaut.

Eben das haben 6 Ösis erkannt und haben sich auf, eine grindige und extreme heftige Version von Ton Steine Scherben geeinigt, haben beschlossen, die unverzüglich im meinungsfreien Raum zu platzieren. Zwar haben sie sich mit der Identifikation noch nicht so weit vorgewagt wie einst Reiser, Sein Ich ist noch die 3. Person, die Sorgen und Brennpunkte in den Lyrics aber eigentlich noch deutlicher, im wankenden Millennium der Katastrophen noch authentischer, weniger wirkliches Einzelschicksal als Massenphänomen. Mensch Meyer fährt nun nicht einfach nur einfach schwarz mit der U - Bahn, jetzt ist er ganz unten, den lässt man nicht mal mehr zum pennen in den Tunnel. Alltägliches das nur noch Randnotiz in der Presseberichterstattung sein darf, hat den Fokus der Band gewonnen und sie rütteln wach. Allein nutzen wird es wenig, ist der Grad der Verdummung doch schon so arg gewachsen, dass Blödheit nur noch mit dem Tod zu heilen ist. Davon lassen sie sich nun aber nicht beeindrucken, in ihrem mehr als nur pessimistischen Bild der Gesellschaft schlummert wohl doch noch ein eingetrocknetes Fünkchen Hoffnung. Und wie weckt man das nun, wie macht man deutlich, dass der Wecker nicht wieder aufgezogen sondern weggeworfen gehört? Wie transportiert man ein so kritisches Anliegen? Mit musikalischen Wellenschlägen die keinen Platz für populistische Allüren lassen. Gesetz der Szene bietet sich Grindcore da am besten an, ist er von Grunde auf revolutionär, oder zumindest wahrheitssuchend. Und dazu lässt sich Zorn und steigendes Unbehagen am authentischsten in die Welt brüllen. Bei so viel Frust und Aggression, die in den Texten stecken, muss die Musik der Katalysator sein, muss mindestens genauso auf Krawall gebürstet sein. Und dann haben wir den Salat, massiv nach Unzufriedenheit und negativen Tendenzen stinkende Wahrheiten präsentieren sich in einem Outfit, das brutaler und schneller, härter und lauter nicht sein könnte. Im Grunde nennt man so was eigentlich Punk. Nur eben welcher der unter Strom gesetzt wird, der viel rüder und mit viel mehr Gewalt nach Aufmerksamkeit brüllt. Und an den Hebeln, die den Saft in die zappelnden Glieder schießen lassen, stehen Grind, Hardcore und hintergründig auch Death Metal. Die lassen den Kadaver zappeln, geben den Ausschlag, der den Bastard so bösartig geifern lässt. Um den Geschichten die keine sind an die taube Öffentlichkeit zu helfen, hätten wohl auch 3 Akkorde gereicht, dazu ein blechernes Schlagzeug und ab und an mal den Bass die Treppe runter fallen lassen. Zufriedenstellend wäre das für die Band wohl nicht gewesen, deshalb steckt in der ¼ Stunde, die sie aufgebracht haben um laut und unterhaltend zu protestierend, doch eine amtliche Portion Abgeklärtheit und Intelligenz. Nicht dass sie jetzt vielleicht progressive Wege bestolpern, so weit reicht die Freundschaft dann doch nicht, das ist auch nicht Teil kollektiver Notdurft. Aber der technische Aspekt ist auch einer, der auf stabilen Beinen steht. Irgendwo zwischen mörderischen Blasts, geschürter Hektik und knackigen Riffs. Blockheads, Nasum, Brutal Truth, so was wird hier gestreift, gepaart mit schwedischen Crusthampeleien und simplem Haudrauf. Vielleicht verbirgt sich auch ein vorsichtiger Blick Richtung Misery Index und artverwandtes dahinter. Der Appetizer auf das hoffentlich bald kommende Album rennt mit Höchstgeschwindigkeit in eine noch ungewisse Zukunft, nimmt sich musikalisch und lyrisch überaus ernst und hat auch alles Recht dazu. Auch wenn die Mittel fast so alt wie die Probleme selbst sind.

Und am Ende macht es auch noch Spaß, lässt man die ideologischen Inhalte mal mit den leeren Gläsern an der Bar zurück, dann bläst und rockt das kurze Vergnügen nämlich amtlich. Also alle arthritischen Daumen hoch! Mit der Zuversicht, dass es demnächst noch genügend Elend zu beklagen wird, freue ich mich auf mehr!

8/10

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