Tuesday, November 5, 2013

IN THE BURIAL - Born Of Suffering - Cd / PRC Music



Tief in den Katakomben der 80er Jahre, in einer dubiosen Scheinwelt zwischen Licht und Dunkel, saßen einst ein paar verirrte, junge Freunde bei Bier und Lagerfeuer. Auf der Suche nach der eigenen Identität, nach der eigenen Bestätigung, nach der eigenen Musik grübelte der Mob Rauchzeichen an die Höhlendecke. Die Quellen sind recht verwaschen, aber einer der Jungs platzte unerwartet mit der später so prägnanten und biegsamen Floskel Death Metal heraus. Wie besessen stürzten sich die anderen auf diesen Haken und Stück für Stück sägten und hämmerten sie daraus einen Klumpen rohen Stahls, der für Generationen ähnlich Entarteter zum heiligen Gral werden sollte. Ein hässlicher kleiner Scheißer war geboren, hinein in eine Welt aus Hass und Brutalität, aus Gewalt und Neid. Darin wurde er sozialisiert, nahm alle diese Eigenschaften an und kotzte sie schnell wieder über nahezu den ganzen Planeten. Und als die Saat aufging, war die Pandemie nicht mehr zu stoppen. Damals wie heute sind all die Gestörten anfällig für Musik, die sich selbst nicht im Griff hat, die facettenreich oder stumpf immer mitten durch das Schlachtfeld marschieren muss. Ob aggressiv oder progressiv, rückwärtsgewandt oder von der Moderne getrieben, ob brutal oder disharmonisch, ob melancholisch oder einfach mit der groben Keule, ihre gemeinsame Geburtsstunde liegt dort in der fernen Grotte aus Unzufriedenheit und Neugier… und ein paar Kisten Heineken.

Nur die Vielfalt und die Masse der Protagonisten hat sich verändert, und zwar dahingehend, dass die Überschaubarkeit zu einem Phantom geworden ist, und dass zahlreiche Musiker mit Aktionen und Leistungen am gesunden Menschenverstand säbeln, die früher niemand auf dem Schirm hatte. IN THE BURIAL aus Australien sind da ein feines Paradebeispiel. Wenn Possessed einst so was wie der erste Motorwagen von Karl Benz waren (der Vergleich hinkt stärker als Mr. Silver, ich weiß), dann sind die 5 Knappen aus Adelaide, mit ihren blutigen Konfirmandenhemden und den unrasierten Visagen so was wie der moderne Hybride von der letzten Frankfurter Automesse. Sie nehmen alles positive und bewährte mit in ihren Bauplan auf, schaffen sich so ideale Rahmenbedingungen für immens brutalen Death Metal, haben den Blast in den Motor gegossen und trümmern ohne Stillstand. Aber sie sind zudem auch über Gebühr technisch beflissen, saugen eine Kakophonie von hohen, wenig romantischen Tönen aus der Gitarre und opfern sich selbst auf dem Altar der Raserei. Brüllend und kreischend, rudimentär melodisch und immer wieder überraschend, das sind die 4 Räder, die das Geschoss über die Piste hetzt. Wer sucht, der findet Verbindungen zum Black Metal, aber auch dieses auf einer rein modernen Basis. Das Tempo nimmt sich selten zurück, und trotzdem sind die Songs  in der Lage, neben all dem sich überschlagenden Irrwitz auch auf Atmosphäre zu bauen, ab und an mal Tasteninstrumente einzuschleusen. Auch eine melancholische, nahezu balladeske Seite stellt die Band uns vor. Dann wieder flitzt der Irrsinn mit progressivem Übermut den Gitarrenhals auf und ab, dass ich mich stellenweise an Cytotoxin erinnert fühle. Auch die Drums sind stellenweise mit dem normalen Grad an altersbedingter Schwerhörigkeit nicht mehr zu verfolgen. Am Ende setzt gar feminines Stimmengewimmer ein und lässt sich von einem fast epischen und nordisch sinisteren Stück nach Down Under Prägung das Höschen vom Hintern reißen.

Auf Born Of Suffering passiert also sehr viel, für manchen sicher zu viel. Die Produktion ist für ein solches up to date Release entsprechend überproduziert und sehr clean. Und trotzdem muss niemand davor zurück schrecken, der sich gern auf erstklassige Musik einlässt, denn die Basis, und dessen sind sich die Herren durchaus bewusst, verlieren sie nie aus den Augen. Auf der Höhe der Zeit und mit Tollwut im Hirn, was sollte dagegen sprechen? 
9/10

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