Thursday, November 7, 2013

MORTAL DECAY - The Blueprint For Blood Spatter - Cd / Comatose Music



MORTAL DECAY scheint mir so was wie eine seit nunmehr 22 Jahren währende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu sein. Trainingscamp für Durchgangsmusiker, Praktikumsbetrieb für motivierte aber illoyale Umschüler. So viele Abbrecher, die in all den Jahren das Gebäude wieder verlassen haben, überschreiten das Maß an Toleranz, das eine Band verkraften kann, um immer wieder aufzustehen. In diesem Falle brüllt die löbliche Ausnahme von der Regel um Aufmerksamkeit. Nur 2 Originalmitglieder sind noch übrig und selbst da taucht als Zweigstelle Waking The Cadaver auf. MORTAL DECAY scheint also ein buntes Durcheinander illusterer Gestalten zu sein, ein Name im Underground, der weniger an seinen Mitgliedern festzumachen ist, als an der Musik. Und die hat sich mit den Jahren ebenso geändert. Und zwar dahingehend, dass sie komplexer und weniger plakativ geworden ist. Ist nicht mehr das lediglich direkte und brutale Gemetzel der frühen Tage, das schon aufgrund der Stimme von John Paoline irgendwie wegweisend war. Das neue Album hat übrigens Danny Nelson von Malignancy „eingesungen“.  Nein, die Band wagt heute wesentlich mehr, ohne den Ursprung des Übels zu ignorieren, so viel Ehre haben sie sich aufgespart. Vordergründig weht uns immer noch der straffe und nicht ganz so sauerstoffreiche Wind amerikanischer Death Metal Vorstellung entgegen.  Hinzu kommen dezent progressive Tendenzen, ein immenses Maß an technischem Knowhow, das gefühlsmäßig nicht weit von Malignancy entfernt ist, auch wenn ich bezweifle, dass Danny Nelson darauf einen direkten Einfluss hatte. MORTAL DECAY trauen sich einfach mehr, vermischen Elemente, die ihnen früher wahrscheinlich nicht in den Sinn gekommen wären. Manche Solis könnten durchaus auch in eine Thrash Metal Band geschmuggelt werden, diverse Arrangements sind dermaßen verschachtelt, dass die Disharmonie mit Muskelkrämpfen zurück schlägt und auch lockere Verbindungen zu negativen Elementen des Black Metal sind nicht ganz fremd. MORTAL DECAY anno 2013 haben keinerlei Berührungsängste. Und das phänomenale daran ist, dass so ziemlich alles auch glaubwürdig rüber kommt, einen homogenen Eindruck macht und nicht irgendwie lose und gedankenverloren zusammen gepappt. Bei all diesen geplanten Irrungen und Wirrungen liegt der Focus aber immer noch auf der brutalen Keule, mit Blast und dem ganzen sympathisch blutigen Shit. „Deviant“ zum Beispiel erzählt uns das kurz, knapp und mit aneinandergeratenen Obertönen auch sehr prägnant. Auf dem Album werdet ihr Stücke, auf den ersten Durchrutsch gar nicht so unterschiedlicher Sortierung finden, wenige direkt auf den Punkt, die meisten tiefer gestaffelt. Man muss sich dann nur mal die Mühe machen, im Kopfe die Drums, Gitarren und Bass, der übrigens immer mal sehr jazzig in Szene gesetzt ist, auseinander zu dividieren, und die Growls mal vollständig auszublenden. Dann werdet ihr erleben, wie beflissen und nahezu kleinlich die einzelnen Nummern fast immer geschrieben sind.  Dann wird schnell klar, dass die Band qualitativ so manchen Nachwuchsrotzer spielend in den Schatten stellt, dass sie immer noch von dem profitieren, was die Originalmitglieder einst geschaffen haben, und dass sie, auch wenn sie nicht zu den aktivsten zählen, nie im Höhlenkoma lagen. Dann geben sich Eskapaden auf den hohen Saiten die Ehre, die von melodisch bis hin zu wüster Kakophonie gereichen, dann werden eben errichtete Kompositionen in Windeseile von andern abgelöst, eben gebaute Konstrukte wieder zum Einsturz gebracht, der technische Aspekt verdient in den Himmel gehoben. Und trotzdem gelingt es fast nebenbei, Bodenhaftung zu bewahren, indem die Stücke mit all ihren wilden Ingredienzien im Grunde immer catchy bleiben. Und wenn die Band denkt, ihrem Publikum vielleicht etwas zu viel zuzumuten, dann hauen sie eben mal eine leichter zu verdauende Adrenalinpille dazwischen und alle finden ihren Frieden. Die Musiker selbst wollen das als kollektives Produkt verstanden wissen, dass auf Erfahrungen zurück greift und durch Experimente und Mut sein aktuelles Gesicht erhält. In der momentanen Phase, auf diesem Album das immer noch von blutroten Lyriks lebt, erweisen sich MORTAL DECAY als erwachsener denn je. The Blueprint For Blood Spatter  ist ein Album mit kreativer Weitsicht, das sich die Band schon viel eher verdient hätte. 
9/10

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