Tuesday, November 19, 2013

SLAUGHTERDAY - Nightmare Vortex - Cd / FDA Rekotz



Das verdreht im Opium freischwimmende Universum eines H.P. Lovecraft bietet genug Potential, seine morbiden Endzeitgeschichten und kranken gotischen Horrorfantasien auszuschmücken, fortzuführen oder neu zu erfinden. Hauptsache die eigene Oberstube hat genügend krankhaft veranlagten Peststaub angehäuft, um die einst regen Hirnwindungen in eine grauenvolle Einbahnstraßenhölle Richtung apokalyptischer Orgasmen zu schicken. Dorthin wo schleimige Wesen von jenseits der Sterne die tiefsten Meere bevölkern, dorthin wo Sexualität nur noch im Dienst der Götter geschieht, wo das nackte Entsetzen regiert und Lust die Grenzen der Realität längst überschritten hat, dorthin wo der Teufel ein Waisenknabe im Büßergewandt ist. Lovecraft hat mit größter Hingabe die Gedanken seiner Leser vergiftet und sie auch über Generationen noch infiziert.

Und welch besseren Stoff gibt es für eine Death Metal Band, welch steilere Vorlagen kann sie sich wünschen, wenn sie ihre eigene Musik, ihren eigenen Sound in ebenjenen morbiden und rotten Anzug stecken will. Der Versuch misslingt sicher so einigen, passabel kommen die meisten davon, wirklich überzeugend mit allem was dazu gehört sind schlussendlich die wenigsten. Und ich weiß nicht, was das niedersächsische Duo SLAUGHTERDAY anders macht als das Gros, aber die haben mich beinahe sofort bei den Eiern gehabt. Nightmare Vortex erweist sich in Lichtgeschwindigkeit, in dem Speed mit dem die Großen Alten aus den jenseitigen Dimensionen auf die Erde verbannt wurden als mehr als nur stimmiges Konglomerat aus fantasievollen und erschreckenden Texten und massivem akustischen Breitbandkino für müde Ohren. Musik die mehr kann als donnernden Basssound zu verarbeiten, durch schwarze Keller und blutrote Schlachthäuser zu meucheln. Tiefe Growls prangern die vermuteten Untaten einer in Düsternis getauchten Fantasiewelt an und Drums bürsten den Rost von den Ketten, die so viele Bands in ihrer eigenen kreisrunden Hölle aus Ideenlosigkeit und dem berechenbaren Verhalten mutierter Klone gefangen halten. Die tatsächliche Richtung, der entscheidende Ausschlag warum die beiden, und ihre Bühnenmusiker die das ja on stage mit umsetzen müssen so anders, so besonders erscheinen, gebiert aus der Tatsache, dass sie im Grunde ein Album geschrieben haben, das melodiöser ist, als es im Old School Bleimantel gemeinhin zu erwarten wäre. Der Ideenreichtum und die ideologische Dichte, mit der da Hooks erschaffen werden wie andernorts frische Brötchen morgens gegen 3 ist faszinierend. Ein düsteres Gitarrenleiden schmiegt sich bucklig gegen ein anderes. Sie werden immer wieder von knarzigen Riffs auseinander gerissen, doch nur um sich hernach noch enger zu  verbinden. Dazu benötigt es mehr als nur Geschick in den Fingern und eines halbwegs wachen Geistes. Dazu bedarf es eines Gespürs für funktionale Arrangements und in gewisser Weise auch eine Prise Mut zu experimentieren. Was dann dabei heraus kommt ist eine Scheibe die ich gern als noch intensiver als Entrails Tales From The Morgue bezeichnen will. Oder zumindest gelingt es den beiden scheinbar spielend ein Niveau zu halten, dass durch alle Höhen und Tiefen, durch dunkles Melodiegut und brutales Riffgewitter, durch mörderische Gewaltakte und harmonische Gänsehautanschläge immerwährend ein Auge über der Wasserkante hat.

Natürlich lebt die Musik auch von Klischees, von Erwartungshaltungen, von dem was andere in der Altvorderenzeit in Stein gemeißelt haben. Wir finden und treffen hier auf viel vertrautes, wenig vergessenes und allzeit mitreißendes. Das was die Band uns an Freidhofsmentalität bietet, haben andere einst schon plan geharkt, der imaginäre Nebel zwischen den Grabsteinen stammt von Leichen, die die Vorfahren verbuddelt haben. Das ist alles nicht wirklich neu, aber auch keinesfalls als negativ zu beleuchten. Nur eines wird sofort klar, SLAUGHTERDAY haben die einzigartige Fähigkeit und Eier die fett genug sind, um Vorgaben so umzusetzen, dass sie zu etwas noch krankerem und noch verrückterem werden. Zu etwas zu dem die eigentlichen Schöpfer nie in der Lage gewesen wären. Gleichzeitig pellt sich da was aus dem versteinerten Ei das authentisch und innovativ sein darf, originalgetreu und ungemein eigen in seiner Art die Welt anzubrüllen. SLAUGHTERDAY ist eine Band, die den Dreck vergangener Tage abzuschütteln in der Lage ist, nur weil sie ihn lange und innbrünstig gefressen hat. Ziemlich irrwitziger Scheiß, der durchaus zu einem modernen Klassiker werden könnte … wäre die Szene nicht so gnadenlos verstopft wie eine teutonische Autobahn Freitagnachmittag. Na lasst uns mal abwarten.
10/10

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