Wednesday, November 20, 2013

WHO'S MY SAVIOUR - Wall Of Sickness - 12 Mlp / 7 Degrees Records



Die Pillenbox wegzuwerfen, oder deren Inhalt partytauglich zu missbrauchen kann ungeahnte Folgen nach sich ziehen. So oder so, kalter Entzug oder ungewollte Überdosis, das Ergebnis ist Realitätsverlust. Im Falle von WHO`S MY SAVIOUR tritt der hypothetische Fall von überbordender Kreativität ein, was im metaphorischen Verständnis für einen Mehrkonsum sprechen würde. Das ist rein spekulativ, nur ist es die Musik, die den Verdacht nahe legt, dass die niemand einfach unbeeinflusst Sonntagsnachmittags bei Kaffee und Kuchen auf den Zettel schreibt. Und da wo andere dann bunte Zootiere zum Spaziergang ausführen, entpuppt sich die Band aus der Rostocker Metropole und der Berliner Provinz als Quell abgedrehter Kompositionen. Irgendwo tief drinnen ist das immer noch Grindcore, was den angegriffenen Geistern in nicht ganz nachvollziehbarer Absicht entweicht. Das Eigentliche verbirgt sich aber im Gewaltigen, und zwar im tatsächlich gelungenen Versuch, den Grind den die „Masse“ kennt, liebt, hasst und was weiß ich, über seine Grenzen zu führen. Weg vom dröhnen und brüllen der Bässe, weg vom Minimalismus punkiger Akkordevielfalt, weg vom stur brutalen Rütteln an Mainstreamnormen. Obwohl die Jungs hier letzteren Punkt noch ärger betreiben, als es die Szene ohnehin schon propagiert. WHO`S MY SAVIOUR sind in vielen Belangen ungewöhnlich, sie beschäftigen sich tatsächlich mit Melodien, die allerdings nur selten heimelig im Oberstübchen pausieren, vielmehr sind sie kalt und abweisend. Das passt dann zu der Kakophonie sich duellierender Disharmonien und permanenter Blasteskapaden. Der dafür verantwortlich zeichnende Drummer läuft seinen Kumpels ein ums andere mal davon, wirbelt schneller als der Rest der Belegschaft in die Saiten greifen kann. Wahrscheinlich um ihn wieder einzuholen, baut das Songwriting immer mal Interludes ein. Welche der psychedelischen Art, was wiederum darauf schließen lässt, dass in den Hirnen der Protagonisten auch rückwärts und schräg gegen die Leitplanken gefunkt wird. Und wenn die Ideen dann selbige durchbrechen, splittern adrenalinschwangere Riffs ins Umfeld, werden Kehlen zu rohen Fleischröhren, werden Wut und Hass kaum noch kanalisiert. Das Potential roher, musikalischer Gewaltbereitschaft lässt sich kaum in einen Käfig sperren, ständig reißt sich das ungute Gefühl frei; - hätten die ihre Instrumente nicht fest in den Händen, würde die Presse bald schlimmeres zu berichten haben.

Ein straffes Geradeausspiel dürft ihr so nicht voraussetzen, stellt euch vielmehr auf latent anstrengende und gewissermaßen anspruchsvolle Musik, um nicht zu sagen Chaos ein. Chaos mit Kalkül, denn ich kann nicht behaupten, diese Art dem Grind Moderne und Weitblick überzuhelfen sein ein Ergebnis spontaner Eingebung, von nicht zu kontrollierenden Gefühlsausbrüchen. Nein, natürlich ist der technische Aspekt, das Einflechten progressiver Strukturen in das blutrote Gewebe von Blastexzessen und Rhythmusausrastern so gewollt. Beweist es doch, dass es der Band auch nach relativ langer Pause und Vielbeschäftigung in anderen gut aufgestellten Bands gelingt, die Kontrolle nicht aus der Hand zu geben. Und das unkonventionell auch ein Marker für Qualität sein kann, dass catchy und direkt zu sein eben nicht immer das Ziel am Ende der Rennstrecke darstellen müssen. Dass es trotzdem mehr als nur funktioniert, und dass man mit Ideen die anderen Bauchschmerzen bereiten, und dem Geschick selbige vom Papier in den Äther zu blasen, Sachen auf die Beine stellen kann, die just über gewöhnlichen Spaß hinaus reichen. Leicht zu verarbeiten ist die Musik wohl auch gerade deshalb nicht. Hätten sie es einfach gewollt, hätten sie es auch so geschrieben, nein die Herren provozieren noch an den richtigen Synapsen, dort wo es weh tun kann, dort wo sie Aufmerksamkeit erregen. Nach so langer Veröffentlichungsabstinenz hätte ich sogar eher noch mehr Material erwartet.  Wenn sie sich den Slogan aus dem Intro jedoch als Leitmotiv auf das Bandbanner gestickt haben sollten, würde das meine Vorstellung von dieser seltsamen und beeindruckenden Ep gänzlich auf den Kopf stellen. „Habens nicht so gemeint, tun´s auch nicht wieder“ – von wegen, nun erst recht!
8/10

No comments:

Post a Comment