Friday, December 27, 2013

DISFIGUREMENT - Soul Rot - Cd / Boris Records



Heil Dir Überlebender! Du hast es wieder geschafft, hast den beschaulichen Konsumterror, aka Weihnachten hinter dich gebracht. Die Nachwehen sind schnell getilgt. Spekulatiusrester und Marzipankleister krallen sich in den Flokati, der Abwasch vom Geflügelmassaker türmt sich in der Küche und das zerknüllte Geschenkpapier verdeckt die Sicht auf das neue Flachbild, die Ehedame kennt ihre Aufgaben. Die Blagen tragen ihre Geschenke zum Umtausch aus der Tür, die Schwiegermutter hasst dich mal wieder und das neue Haustier wird zur nächsten Autobahnraststelle Gassi gefahren. Alles Probleme, die sich aussitzen lassen. Du hast dich nicht in Zurückhaltung, aber in Fantasielosigkeit geübt. Der Eherochen hat natürlich lange auf die Dauerkatte für´s Theater warten können, vielmehr gab’s eine neue Salatschleuder, weil du die letzte an den Türsturz geknallt hast. Du warst allerhöchstens noch zu einem Douglas Gutschein bereit und schickst die Alte auf eigene Karte in die Dufthölle. Beim Familienmästen hast du den Kindern klar gemacht, dass sie alles aufzuessen haben, in Afrika verhungern schließlich kleine Neger. Als ob sie das nicht täten, wenn eine fette Entenkeule liegen bleiben würde, aber das ist nicht Teil deiner weihnachtlichen Gedächtnisleistung. Du hast die bereits angedeuteten 60 Zoll pures Vergnügen an die Wand gedübelt. Gut, die Vitrine mit den Sammeltassen steht jetzt im Treppenflur und das Hochzeitsbild musste höherer Gewalt weichen, aber du hast jetzt Assi – TV in bester HD Qualität, und schließlich gilt es Prioritäten für das Leben zu setzen. Beim abendlichen Absturz mit Festtagsbier und Hochprozentigem hast du dann mit den Kumpels über stagnierende Löhne und den scheiß Staat debattiert.  Wahrscheinlich auch wieder über die Verrückten in Afrika, nichts zwischen den Zähnen, aber jeder Buschmann mit einer AK 47. Hast dir deinen Wohlstandsäquator gestreichelt und den Kopf wegen der katastrophalen Weltlage geschüttelt. Aber ob nun Adipositas oder Maschinenpistole, das frühe Ende ist ohnehin vorprogrammiert, nur die Wahl der Mittel steht jedem frei. Nun ja, jedenfalls bist du durch, hast deine Leber gemästet und deine Beziehung strapaziert, fein aufgemampft und darfst nun überrascht tun, weil der Hosenbund überm Arsch spannt. Schön, dass du noch echte Probleme hast.

Oder sind wir als angeblich intelligentestes Individuum auf Gottes rottem Acker rein intellektuell doch nur mit verdorbenen Seelen und falscher Moral ausgestattet, wie ein verantwortungslos zusammengelöteter Küchengrill mit minderwertigen Einzelkomponenten an einem grauen Montag? Das zumindest scheinen DISFIGUREMENT aus Atlanta Georgia zu glauben. Und ganz so falsch liegen sie wohl wirklich nicht. Vielleicht ist die Methode, mit der sie den Finger in die Wunde legen nicht breitenkompatibel, fest steht aber schon nach kurzem Audioinsult, dass ihnen alte Werte an den Stromgitarren liegen. Feinster und frischer amerikanischer Old School Death Metal ist die hehre Aufgabe der Band. Nichts mit moderner Schnelllebigkeit und nichts mit der Vergänglichkeit einer hochfliegenden Eintagshummel. Die Burschen aus dem einstigen Olympiamekka konzentrieren sich auf Musik mit Bestand innerhalb der Szene. Und sie knallen ihre Stücke mit Schmackes in dekadente Fressen, schwingen einen Hammer, der zum Knochenplanieren konstruiert ist. Dabei sind die Stücke über angenehme Spiellängen sehr klassische gestaltet. Die Leadgitarre verkauft uns ansprechendes Material und der Sänger verdreht sich den Kehlkopf mehr als authentisch. Fein auch, dass die Stücke zwar eingängig konstruiert sind, aber nie den Anschein erwecken, billig und reinweg plakativ zu sein, sich nicht in langweiligen Wiederholungen ergötzen. Vielmehr ist ansprechendes Songwriting sehr wichtig. Eines, das bei aller Brutalität auch eine große Portion künstlerischen Intellekts und Vorstellungskraft voraus setzt. Ja doch, das ist schon Mucke mit Köpfchen. Hier treffen sich technisches Verständnis mit überschäumender Spiellaune und der puren Absicht, Krieg zu führen, auszuteilen und zu meucheln. Am Ende klingt es dann viel mehr angepisst als fröhlich beschwingt. Grund dafür ist der lyrische Nihilismus, den uns der Frontmann vorgurgelt, passend zu den aggressiven bis leicht verstimmten Gitarrenläufen, dem wütenden Aufbrausen der Rhythmusfraktion und dem melancholischen Rückwärtsschreiten ebenjener. Sucher werden fündig, wenn sie nach der Komplexität aller wichtigen Elemente innerhalb des Death Metal Ausschau halten, DISFIGUREMENT bieten von allem einen gesunden Happen. Nicht die ganz große Kunst, aber die Keule, die uns das Glauben macht. Viel mehr Beschreibung bedarf es nicht, und wenn da immer Parallelen zu Morbid Angel und Vader als auch Malevolent Creation auftauchen, dann ist das nicht leichtfertig ausgesponnen.

Also mach dir selbst ein Geschenk, besorgt dir die Scheibe und schmuggel sie noch heimlich unter die nadelnde Wohnstubenhässlichkeit, wenn das offizielle Budget, das deine Frau dir als nötiges Taschengeld zugesteht, überschritten ist. Aber auf gar keinen Fall beim Label, Boris Records, bestellen, die Portokosten werden den Rahmen definitiv sprengen, das schlägt die Haushaltskasse dann doch leck, und es gibt wieder Stress!

8/10

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