Wednesday, January 22, 2014

ABORTED FETUS - Private Judgement Day - Cd / Comatose Music



Ah, Winter! Draußen vor der Türe hat Frau Holle die Betten gemacht, kleine Scheißer toben jauchzend durch die dünne Schneeschicht, alte Leute wickeln sich fluchend um Laternenmasten und Autofahrer bereuen ihren Geiz, weil sie wieder keine Garage angemietet haben. Die Jahreszeit des Blechschadens erfüllt Versicherungen mit Vorfreude auf negative Bescheide und bei der Bahn beginnt das selbe heitere Spiel. Ich liebe traditionelles! Und dabei ist das in unseren Breitengraden und gerade dieses Jahr alles andere als herausfordernd. Weiter östlich tragen die ganz andere Kämpfe aus, da rutscht keiner mehr übers Pflaster, weil nicht punkt 6 Uhr gestreut ist, da bleiben die einfach bis zum Hals in dem weißen Dreck stecken. Und damit kommt, man merke ob des Geschickes der Wendung auf, der Bogen ins Reich der Zaren und zu der neusten Comatose Music Verpflichtung: 

Der russische Amerikatourist steht wieder vor den Toren, ABORTED FETUS aus dem kalten Perm haben ein neues Album auf ihren straff verschraubten und mit Knochenleim fixierten Hundeschlitten geladen. So wie der Bandname es dem Eingeweihten verrät, so weiß es die Musik der Kartoffelschnaps – Experten seit Jahren zu erzählen; eigentlich, und mit klassenfeindlicher Überzeugung beworfen wie Spanier mit reifen Tomaten, würden die viel lieber Bourbon trinken, als selbstgebrannte Hirnweiche. Soll heißen, bei den Jungs ist immer noch alles in Butter, knallen überraschungsfrei aber versiert amerikanische Brutalo Schinken vor die Kundschaft, vernachlässigen absichtlich die eigene russische Seele. Von Melancholie und Schwermut wollen die nichts wissen, packen sie doch lieber den Knüppel aus und vögeln Mütterchen Russland  den Glauben an das Gute im Menschen aus dem Verstand.  Ein weiteres mal wird das Uralvorland von westlicher Dekadenz erschüttert. Und dennoch ist der Pfad, den sie da eingeschlagen haben, berechenbar, ziemlich geradlinig mit wenigen Herausforderungen in der Geländebeschaffenheit. Sie machen quasi nicht viel anders, als es die Vorbilder jenseits der Beringstraße ebenfalls tun, nur dass die halt das ungeschriebene Patentrecht auf derart heftige Gurgelmucke haben. Also, von Dying Fetus bis Devourment ist immer noch alles drin, und den russischen Wiederholungstätern fällt auch gar nicht ein, mal nach links und rechts zu blicken. Die fühlen sich pudelwohl in ihrer Sehnsucht nach dem gelobten Land. Also wird gedroschen bis die Biberfelle auf den Drums reißen, an den Saiten übers Holz gezerrt auf das Katzendärme spröde werden und gegurgelt wie im Alfred Brem Haus zur Fütterungszeit. Obertöne werden auf den hohen Saiten gegriffen, es pfeift vereinzelt wie ein sibirischer Schneesturm in Kolchoseschuppen. Immer wieder wird zu Slam aufgerufen und mit dem Bären im Kreis gesteppt. Wahnwitziges Tempo wechselt mit Grooves, immer supported von buchstabenresistenter Artikulation aus den unergründlichen Tiefen menschlicher Anatomie. Diverse Folter und Höllenszenarien, Kettengerassel, Schreie und gefühlte Pein leidender Protagonisten lockern das musikalische Schauerstück  ab und an mal auf.  Und mit dem Titeltrack zieht tatsächlich so was wie der Versuch einer sinisteren Melodie ein, präsentiert sich ein Stück das nach Variationsfreiheit sucht. Auch nicht überbordend und aus dem Regime ausbrechend, hier steht aber das Geschick geistig fitten Songwritings im fahlen Licht des Erstaunens. Mehr Stücke dieser Prägung hätten der Rille sicher gut getan. Aber so bleibt eben alles beim Alten, zu viel Freigeist durchtrennt womöglich den roten Faden, an dem sie sich durch ihre Karriere hangeln. Es gibt also nichts überraschendes über Album Nummer 4 zu berichten, aber auch nichts negatives. Über die Skills der Band muss nicht diskutiert werden, da sind sie fit, das Timing stimmt ebenfalls und was den Sound angeht, der knallt wie aufgeblähte Kuhkadaver in der Mittagssonne. Der geneigte Fan empfängt den fliegenden Unrat mit offenen Armen und weiß, dass er Qualität fangen wird. Ihre Hausaufgaben haben sie wohl gemacht, die verstrahlten Patienten aus Perm, rütteln sich mit unpatriotischen Rhythmen die Eiseskälte von den steifen Gliedern und lieben ihre Musik, spielen den gewaltverliebten Abrisssound mit Inbrunst. Mehr kann niemand verlangen.Es bleibt aber durchaus im Bereich des Möglichen, dass das Album nach einem halben Dutzend Durchläufen doch langweilig wird, weil viele von euch, die an relativer Geschmacksneurose kränkeln, es plötzlich nicht mehr von verwandten Produkten unterscheiden können. Einfach weil ihr euch die Regale mit Blut und Eingeweide  - Unkultur zugestellt habt. Aber egal, falls die Halbwertzeit zu kurz sein sollte, die Eieruhr zu früh Schlafenszeit ankündigt, der Hahn unerwartet auf dem Mist verreckt, schaltet (nur für einen Moment) Radio Brocken ein und ihr braucht nur wenige Augenblicke, die euch klar machen, warum ihr Private Judgement Day doch euer Eigen nennt. 

7/10

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