Thursday, January 9, 2014

DISTASTE - Black Age Of Nihil - Cd / Selbstaufgeopfert


Hätte der ostmärkische Postkartenmaler und einstiger linksgerichteter Waffenbruder von Walter Ulbricht doch nur ahnen können, dass die von ihm so verpönte und entrechtete entartete Kunst irgendwann mal eine musikalische Entsprechung bekommt, und dass sich gerade in seinem durch Deutschtümelei an die Wand gefahrenen Oberösterreich eine Band erhebt, die lautstark gegen Oberflächlichkeit und Dummheit angeht, wäre er wohl in seinem Münchner Männerheim sitzen geblieben und hätte den blödsinnigen Terz gelassen. Hätte doch keinen Zweck gehabt, wenn die nachfolgenden Generationen trotz aller Müh einen eigenen Verstand entwickelt haben, wozu des ganzen Aufhebens, wenn das mit der Anerkennung irgendwie schief gelaufen sein muss. Sein klumpfüßiger Nihilistenkamerad hat Propaganda bis zur letzten Patrone gelebt und doch nur einen großen Haufen Scheiße produziert. Dem hätten Ahnungen von dem was trotzdem kommen wird, die verkrüppelte Figur gerade gerückt. Und dem fetten morphinsüchtigen Überflieger würde von so viel künstlerischer und explizit kakophonischer Freiheit das Erbsenhirn wegbrutzeln. Die hilfsarische Männertriage wäre sich möglicherweise ihrer geistigen Umnachtung bewusst geworden und wäre geschlossen der schwulen Liga christlicher Straftäter beigetreten. Hätte uns viel erspart, aber so funktioniert Geschichte leider nicht.

Aber nun weg von fröhlichen Fantastereien hin zur Band höchstselbst. Grindcore mit Verstand, mit musikalischem Rückgrat und lyrischem Anspruch. So sollten DISTASTE durchaus verstanden werden. Ihre heimliche Heimat liegt im Schwedischen (stellt sich für mich so dar), verbinden sie doch Einflüsse von crustigen D-Beat Helden mit frischer Grindattitüde, die wohl Bands wie Splitter, Exhale und irgendwie auch Nasum am nächsten kommt. Lückenfüllende Elemente aus Death Metal und wohl auch HC, die der wilden Jagd den Fuchsschwanz antackern, geben der Geschichte die finale Note. Mit dieser Grundeinstellung lassen sie alles von sich fahren und gestalten ein vor Aggressivität überbordendes Album mit so viel Abwechslung wie in der Szene gerade noch möglich ist, ohne anstrengend zu erscheinen. Noch fliegt keiner übers Kuckucksnest, noch ist die Sache mit der geistigen Gesundheit und der unkontrollierten Reizüberflutung auf ein Maß eingedämmt, dass nur lockerer medizinischer Kontrolle bedarf. Noch sind Schizophrenie und Verfolgungswahn nicht Bestandteile einer fixen Feder, die trotzdem ziemlich kranke und wutverzerrte Songs zu Papier bringt. Aber wer mit so viel Brutalität in einer so brutalen Welt agiert, muss sich der Gratwanderung bewusst sein, bevor der Abyss ruft. Mal entsteht der Eindruck, die Ohren direkt auf das stählerne Chaos eines prosperierenden Verschiebebahnhofes gerichtet zu haben. Wenn losgelassene Waggons Ablaufberge hinunter hasten, Bremsschuhe kreischend durch das Gleisbett segeln und besoffene Rangiere mit unerwarteter Unterschenkelamputation überraschen (Requiem Aeternam Dona Eis). Dann wieder wird das Groovemonster von unsichtbaren Fesseln befreit, wird dreckig gerockt, ohne wirklich das Gaspedal unter der bleiernen Sohle entkommen zu lassen (Der Rattenfänger). Nebenbei trauen sie sich auch rudimentär psychedelische und dezent progressive, auf jeden Fall aber gebremstere Parts zu testen (Opprobium, Deutronomium 13:7 – 13:12). Das beansprucht nicht über Gebühr, geht immer nur so weit, dass die eigentliche Absicht, gnadenlose Kellen auszuteilen, nicht aus den Augen verloren wird. DISTASTE biegen sich musikalisch ein bisschen um ihrer beabsichtigten Aussage, dass Grind durchaus Empathie fürs Leben, unbedingt aber Apell an einen wachen Verstand ist, Ausdruck zu verleihen. Denn wem seine Texte wirklich wichtig sind, wer Inhalte entsprechend transportieren will, der benötigt auch Aufhänger, die dem gerecht werden. Und so sägt die Scheibe mit viel Freude, hohem Spaßfaktor und, das Songwriting betreffend, mit immens dicken Eiern seine Botschaft vom Linzer Umland in die tumbe Welt, die von einlullender Dummheit gekidnappt ist. Ob sie damit nun tatsächlich irgendeinen Weckruf in die Bahn schieben, oder ob sie sich nur den eigenen Frust über eine Erde voller Idioten von den angegriffenen Seelen pöbeln, sei dahin gestellt. Wichtig ist erst mal nur, dass die Band so gar nichts falsch gemacht hat und die Rille jedem wachen Grinder ans arrhythmisch pumpende Herzt gelegt sei. Wer nicht schon wieder nach Porn und Gore suchtet, sich gesunde Realitätstreue bewahrt hat, der ist mit Black Age Of Nihil auf dem richtigen Weg in den Sonnenuntergang von Gottes geliebten Kindern.

9/10




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